Kommentar zu den Anschlägen von Belgien
Nutzloses Wissen: Wenn Daten liegen bleiben

Joachim Herrmann ist nicht der erste Politiker, der einen besseren Informationsfluss zwischen europäischen Polizeibehörden fordert. Und er wird nicht der letzte sein, ganz einfach deshalb, weil es eine so banale Sache ist. Wer Gefahr für seinen Nachbarn oder für einen Freund wittert, gibt ihm einen Tipp. Dass das - professionell gehandhabt - unter Staaten gelten muss, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

So mag man Herrmanns Forderung nach einem leistungsfähigen System für den Austausch von Informationen unterschreiben. Nur legen die Meldungen aus der Türkei und Belgien einen furchtbaren Verdacht nahe: Den, dass im Vorfeld der Brüsseler Anschläge die Behörden dank vorliegender Informationen einen Akteur aus dem Verkehr ziehen hätten können. Man muss dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht einmal unterstellen, dass er seinen Finger in eine Wunde legt, um einmal die Rolle des Buhmanns anderen zuzuschieben. Wenn es stimmt, dass klare Warnungen irgendwo zwischen Bosporus und Brüssel auf der Strecke blieben, ist Erdogans Empörung gerechtfertigt.

Das Muster, das sich nun abzeichnet, wirkt erschreckend vertraut von anderen Verbrechen. Da galten dann Täter auch schon irgendwie als aktenkundig, und hinterher stellte sich eine erstaunte Öffentlichkeit die Frage, wie das denn sein konnte. Der beste Datenaustausch nützt nichts, wenn die Erkenntnisse folgenlos bleiben. Die europäischen Innenminister müssen offenbar nicht nur darüber reden, wie man noch mehr Informationen über potenzielle Attentäter anhäuft, sondern auch darüber, wie man mit diesem Wissen umgeht.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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