Kommentar zu den Entwicklungen in Polen und Ungarn
Mitteleuropa im Würgegriff beschränkter Rechtspopulisten

Was wurde nur aus dem gefeierten Polen des Bürgerrechtlers Tadeusz Mazowiecki, des Historikers Bronislaw Geremek oder des Essayisten Adam Michnik? Die Revolution Mittelosteuropas frisst ihre Kinder: Ungarns, Polens, Tschechiens und der Slowakeis intellektuelle Vordenker haben ausgedient - Antall, Havel und Dubcek tot, Walesa aus der Solidarnosc ausgetreten: "Das ist nicht mehr meine Gewerkschaft", sagte Letzterer mit Blick auf die Partei Recht und Gerechtigkeit.

Ungarn machte es vor: die Errichtung einer nationalistischen Demokratur ohne Pressefreiheit innerhalb der EU. Polen folgt. In Tschechien ist sich Ex-Sozialdemokrat Zeman nicht zu schade, als Präsident dümmste ausländerfeindliche Klischees zu bedienen - auf der Burg, wo einst Havel auf Weltniveau philosophierte. Und in Dresden entstellen Wutbürger den mutigen Wendeslogan "Wir sind das Volk" zur Ausgrenzungsparole des "Freistaates Sachsen".

Dieser Prozess folgt einem nachvollziehbaren psychologischen Muster: Der anfänglichen Begeisterung über freiheitliche Demokratie, Wohlstand verheißenden Kapitalismus und ein alle integrierendes Europa folgt die Enttäuschung über Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, komplizierte und undurchsichtige politische Prozesse.

Dazu kommt, dass die Kinder des Eisernen Vorhangs nie gelernt haben, mit anderen Kulturen zusammenzuleben. Die rechte Konterrevolution wird sich schnell als Kurzschlussreaktion entlarven: Die rechten Populisten schützen mitnichten das "eigene Volk", sie lassen es verarmen. Ein Lernprozess, den Mitteleuropa noch vor sich hat.

juergen.herda@derneuetag.de
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