Kommentar zu den Folgen von Köln
Der Fall Köln lässt die Flüchtlingspolitik völlig entgleisen

Im Trommelfeuer der medialen Selbstüberhitzung ist in den vergangenen Wochen eine neue journalistische Darstellungsform entstanden. Sie trägt den Arbeitstitel "Was wir wissen, was wir nicht wissen" und ist der verzweifelte Versuch, einen kleinen Rest an Seriosität zu bewahren, wenn die Nachrichtenlage nach einem Großereignis unübersichtlich ist. Das ist bitter nötig, weil die Grenze zwischen Information und Spekulation fließend geworden ist, weil die Schuldzuweisungen via Online-Medien und Facebook schneller sind als jede polizeiliche Ermittlungsgruppe, geschweige denn jedes Gericht.

So weit, so schlecht. Fatal allerdings wird die Lage, wenn zum Nicht-Wissen noch polizeiliche Desinformation kommt. Das war ganz offensichtlich in Köln der Fall. Dort wurde nach dem Stand der Dinge nicht nur der Einsatzbericht geschönt, um polizeiliche Versäumnisse zu kaschieren. Dort wurden ganz offenbar auch die Ermittlungsergebnisse entweder verschwiegen oder verbogen, um die eh schon überbordende Flüchtlingsdebatte nicht noch heikler werden zu lassen. Das Ergebnis ist umso verheerender. Durch die Fehlinformation wurden Medien und Öffentlichkeit getäuscht. Schlimmer noch ist, dass die Kölner Polizeiführung den Verschwörungstheoretikern von rechts reiche Nahrung geboten hat.

Er sei besorgt, dass nun "viele ihr politisches Süppchen aus diesem dunklen Neujahrsbeginn kochen", hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki gesagt. Nur, das ist keine Sorge mehr, das ist längst Fakt. Polizeipräsident Wolfgang Albers hat der Polizei, den Flüchtlingen, aber auch den Opfern von Köln einen Bärendienst erwiesen. Eine vernünftige Diskussion über Deutschlands Haltung in der Flüchtlingsfrage war schon vor der Silvesternacht kaum noch möglich, jetzt entgleist die Debatte völlig.

albert.franz@derneuetag.de
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