Kommentar zu Glyphosat
Debatte über das Pflanzengift offenbart Schwächen des Systems

Schreckensmeldungen und Entwarnungen halten sich seit Monaten die Waage. Zuletzt wurde das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin von zwei- bis sechsjährigen Kindern in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Was jeden erschrecken dürfte. In der Studie des Landesumweltamtes heißt es, es seien Werte über der Bestimmungsgrenze gemessen worden, also über der kleinsten Konzentration, die sinnvoll gemessen werden kann. Die Werte seien aber weit unter dem EU-Grenzwert für die tägliche Aufnahme. Was eine Entwarnung wäre.

Mit dem Alchimisten Paracelsus gilt seit gut einem halben Jahrtausend die Volksweisheit: "Die Dosis macht das Gift." Doch ob Glyphosat beziehungsweise glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel krebserregend sind, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Was dagegen klar ist: Viele Menschen sind zutiefst beunruhigt - nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa. Dies beeindruckt die Entscheidungsebenen, wie die Meinungsverschiedenheiten in der Bundesregierung, aber auch in der EU belegen.

Die Debatte über die weitere Zulassung des Wirkstoffs Glyphosat offenbart die Schwächen des Systems. Wir nutzen seit Jahrzehnten Stoffe, die die Umwelt verändern und früher oder später in uns Menschen landen. Aber wir wissen nicht, welche Auswirkungen dies hat, bis wir es erleben. Manchmal geht es gut, manchmal nicht. Im letzteren Fall werden die entsprechenden Stoffe verboten.

Unternehmen greifen dann zu neuen Substanzen. Doch über deren Langzeitwirkung ist meist noch weniger bekannt. So beginnt ein neuer, zynisch anmutender Testlauf. Das gilt nicht nur für Pflanzengifte, sondern für viele Produkte. Manches ist krebserregend, anderes löst Allergien aus, und andere Stoffe sind harmlos. Die Regel müsste deshalb lauten: Im Zweifel keine Zulassung - unabhängig davon, wie stark Lobbyisten drängen. Derzeit drücken sich die Verantwortlichen vor einer Entscheidung. Sie haben sich erneut vertagt. Doch Enthaltung gilt nicht. Europa wartet. Es gilt: Farbe bekennen.

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