Kommentar zu Kohl und Orban
Der Europäer und der nationale Egoist

Aus seinen Leistungen in der Vergangenheit schöpft der 86 Jahre alte Helmut Kohl die Autorität; der 52-jährige Ministerpräsident Ungarns, Viktor Orban, gefällt sich als starker Polarisierer. Hier der überzeugte, leidenschaftliche Europäer, dort der Protagonist einer nationalen Abschottung und erklärte Euro-Skeptiker, für den alles Böse aus Brüssel kommt. Aus tiefer Sorge um sein "Vaterland" und Europa pflegt der einstige Bundeskanzler den Gedankenaustausch mit Orban, der sich übrigens am Beginn seiner politischen Karriere als Verfechter des Liberalismus gefiel.

In der gemeinsamen Erklärung sprechen sie von "Lösungen außerhalb von Europa". Und Bundeskanzlerin Angela Merkel betont "gemeinsames europäisches Handeln". Daran hapert es gerade in der aktuellen Flüchtlingspolitik. Und wenn sich schon die EU-Staaten nicht auf eine Linie verständigen können, wie realistisch ist dann ein einheitliches Vorgehen "außerhalb von Europa"? Da wird die ideelle Vision zur bizarren Utopie, verschoben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag ...

Viktor Orban nimmt offensiv die (unbestimmten) Ängste der Ungarn auf: vor der Migration, der Islamisierung, der Globalisierung oder einer zentralistischen EU. Subtil kochen die Erfahrungen hoch, welche die Ungarn unter den Türken sammelten. Da macht es keinen Unterschied, dass es sich damals um Besetzer und Eroberer handelte, heute um Flüchtlinge aus anderen muslimischen Ländern. In dieser Gemengelage präsentiert sich Viktor Orban seinen Landsleuten als Beschützer. Doch einfache Parolen lösen keine komplexen Probleme.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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