Kommentar zum 1. Mai
Randale und Rituale

Die Gewerkschaften hatten sich auch in diesem Jahr wichtige Themen zurechtgelegt für den Tag der Arbeit. Es ging um Fremdenhass, Billiglöhne, Altersarmut und ungestörte Freizeit - um das "Recht auf Nichterreichbarkeit", ein sperriger Begriff: 24 Stunden lang, 7 Tage in der Woche telefonisch und per E-Mail erreichbar zu sein, steckt nicht jeder einfach so weg. Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Privatleben verschwimmen. Das ist eine breit angelegte gesellschaftliche Debatte wert, und ein 1. Mai mit Aufmärschen und Ansprachen sollte doch Impulse liefern.

Aber was bleibt hängen von diesem arbeitnehmerunfreundlichen Sonntagsfeiertag? Das Bild des Justizministers, den die Polizei vor rechten Demonstranten schützt? Die Randale von Rechten und Linken in Plauen? Die Angriffe Autonomer auf Polizisten in Hamburg? Ein Teil unserer Gesellschaft reklamiert ein ganz eigenes "Recht auf Nicht-Erreichbarkeit" für sich. Sie sind für sachliche gesellschaftspolitische Diskussionen nicht erreichbar. Flaschenwerfer und nächtliche Randalierer gibt es schon lange, doch die Gewalt auf der Straße wird immer mehr mit vermeintlichen politischen Zielen verbrämt. Folgt die Realität der virtuellen Welt, wo sich Hassbeiträge ungezügelt in sozialen Netzen ausbreiten? Wo nicht die Qualität eines Arguments zählt, sondern die Schrillheit, mit der auch absurde Thesen verbreitet werden.

Oft wird den Gewerkschaften das Ritualhafte vorgehalten, mit denen sie den Maifeiertag gestalten. Doch bei solchen Gelegenheiten zeigen sie, dass sie mehr sind als Unterhändler in Tarifverhandlungen. Die Arbeitnehmervertreter sind ein politischer Stabilitätsfaktor und können ähnlich wie die Kirchen als Kitt der Gesellschaft wirken. Dieser ist unverzichtbar.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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