Kommentar zum Abgang von Brasiliens Präsidentin Rousseff
Telenovela ohne Happy-End

Selten ist eine Wachablösung an der Spitze eines demokratischen Staates mit so viel bizarrem Getöse und so stillos verlaufen wie in Brasilien. Nach dem umstrittenen Impeachment-Verfahren hat der Senat nun mit Zweidrittelmehrheit den Abgang von Präsidentin Dilma Rousseff erzwungen.

Wer den - durch allerlei politische Kniffe - verlängerten Weg ihrer Demission mitverfolgt hatte, wurde unwillkürlich an eine Telenovela erinnert. Eine gefühlt unendliche Geschichte mit viel aufgesetzter Dramatik. Rousseff liefert tragisch anmutende Bilder, etwa wie sie nach ihrer Suspendierung im Mai ihr Büro räumt, und inszeniert sich bis zuletzt als Opfer eines "Putsches". Nachfolger Michel Temer stellt sich dagegen als Hoffnungsträger dar.

Doch in dieser Seifenoper gibt es keine Helden. Keiner der Beteiligten bleibt im unwürdigen Schauspiel in seiner Vertrauenswürdigkeit unbeschädigt. Brasilien wird nicht um Rousseff weinen. Ihre Regierung wird immer mit illegalen Kreditvergaben und der Schönung des Staatsdefizits verbunden bleiben. Aber sie befindet sich in guter Gesellschaft: Gegen zwei Drittel der Senatoren und Kongressabgeordneten wird wegen Korruption ermittelt. Auch gegen den "Reformer" Temer.

Hier liegt der Kern des Dramas: Um aus der tiefen Rezession herauszukommen, ist die Eindämmung der Korruption unbedingt notwendig. Zumal die erhoffte Initialzündung für die Wirtschaft durch die Olympischen Spiele zweifelhaft ist. Temer muss handeln, denn die Not der in Armut lebenden Bevölkerung ist keine Telenovela, sondern Realität. Und viel dramatischer, denn die Hoffnung auf ein Happy-End schwindet.

tobias.schwarzmeier@derneuetag.de
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