Kommentar zum Anschlag in Nizza
Wenn das Mitgefühl und die Angst uns übermannen

Es liegt in der Natur des Schreckens. Mit jedem Anschlag wirken die Vokabeln, die das Grauen beschreiben, hohler. Mit jedem Anschlag klingen die Mitleids- und Solidaritätsbekundungen eingeübter. Mit jedem Anschlag wirken die Rufe nach mehr Polizei und mehr Sicherheit hilfloser. Und mit jedem Anschlag wird es schwerer, dem Leid der Angehörigen, der Hinterbliebenen gerecht zu werden. Entsetzen kennt keine Routine, sollte man meinen.

Schocks in Serie stumpfen ab. Und doch ist die Schreckensnacht von Nizza wieder so ein Prüfstein, der die westliche Welt im Mark erschüttert. Ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag soll die Amokfahrt den Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit torpedieren. Und erneut wiederholen sich die altbekannten Muster: Der Täter: ein Muslim, aber angeblich nicht unbedingt gläubig. Hinweise auf eine Radikalisierung gab es nicht. Ein Franzose tunesischer Abstammung. Er war polizeibekannt wegen Gewalt in der Ehe und Diebstahls. Aber dass er sich in einen Lastwagen setzt, gezielt in eine Menschenmenge steuert und dabei wild um sich schießt, damit hatte niemand gerechnet. Damit konnte niemand rechnen. Fehler der Polizei? Zu lasche Sicherheitsvorkehrungen? Das Tätermuster lässt einmal mehr Raum für alle möglichen Spekulationen. Doch Wahnsinn wird nicht erträglicher, wenn man ihn politisch auflädt. Weder politische noch religiöse Verblendung sind eine Rechtfertigung für Massenmord.

Was tun, wenn das Mitgefühl und die Angst uns übermannen? Psychologen raten, daran zu denken, dass gerade jetzt auch viele gute Dinge passieren. Dass es hilft, zusammenzustehen. Dass die Angst uns nicht verleiten sollte, uns das Leben und die Lebensart nehmen zu lassen. Das ist leichter gesagt, als getan. Aber es ist die einzige Chance, sich dem Wahnsinn nicht auszuliefern.

albert.franz@derneuetag.de
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