Kommentar zum Auftakt der Gespräche in Genf
Den Friedensverhandlungen zu Syrien fehlt die klare Perspektive

Lassen wir einen Moment das AfD-Geblubber und die Internet-Hysterie beiseite: In Syrien wird weiter gestorben und gehungert, geschossen und gebombt - auch in diesem Augenblick. Mehr als 250 000 Tote hat der Krieg in den vergangenen fünf Jahren gefordert, 4,6 Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, 6,6 Millionen Menschen vertrieben im eigenen Land. Nein, das ist keine dieser Falschmeldungen. Das ist Fakt.

Und nun der Traum: Die Friedensverhandlungen in Genf sollen binnen 18 Monaten für freie Wahlen unter UN-Aufsicht sorgen, möglichst ab sofort sollen die Waffen ruhen und die humanitäre Hilfe rollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Traum rasch in Erfüllung geht, ist nicht sehr groß. Der Auftakt der Verhandlungen steht unter keinem guten Stern. Russland und das syrische Regime denken gar nicht daran, ihre Luftangriffe einzustellen. Baschar al-Assad hungert weiter sein Volk aus. Und die Waffen werden auch nicht schweigen, solange die Koalition der Willigen unter Führung der USA und Frankreichs irgendwie den Vormarsch der IS-Terrormiliz aufhalten muss. Trotzdem ist das Treffen in Genf die einzige Hoffnung für Syrien. Eine andere gibt es nicht. Und deshalb müssen dort alle an einen Tisch, die noch Interesse an einem syrischen Staatswesen haben. Dazu gehört die IS-Terrormiliz sicher nicht. Dazu gehören auch einige extremistische syrische Bürgerwehren nicht. Aber alle anderen.

250 000 Tote sollten eigentlich Argument genug sein, das Gemetzel zu beenden. Doch den Friedensverhandlungen fehlt eine Perspektive, die mehr ist als ein Traum. Entwicklungsminister Gerd Müller hätte diese Perspektive: Mit zehn Milliarden Euro ließe sich die Region stabilisieren, sagt er. Das klingt nach viel Geld. Billiger allerdings ist die Flüchtlingskrise auch nicht zu bewältigen. Und was sind zehn Milliarden schon gegen die 130 Milliarden Euro, die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zusätzlich für die Bundeswehr fordert?

albert.franz@derneuetag.de
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