Kommentar zum Ausnahmezustand in der Außenpolitik
Die Stunde der Narzissten

Es ist alles andere als ein gutes Zeichen. Aber es kommt nicht von ungefähr, dass man US-Präsidenten wie Ronald Reagan und Georg W. Bush oder den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew im Nachhinein gar nicht mehr so übel findet. Es ist die Stunde der Narzissten. Figuren wie Donald Trump, Boris Johnson, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin beherrschen die weltpolitische Bühne.

Kein Wunder, dass auch die Diplomatie in Person, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, die Contenance verliert und Trump schlicht als "Hassprediger" tituliert. Außenpolitiker wie Michael Roth, die rechte Hand Steinmeiers, können sich nur noch die Augen reiben. Nie war die Weltlage so unübersichtlich, nie schien alles so sehr aus dem Ruder zu laufen, nie loderte es so sehr an allen Ecken und Enden. Das Bild hat sich festgefressen: Die Welt ist aus den Fugen geraten - und die Politik findet, so sehr sie sich mühen mag, keine Handhabe gegen das Chaos, gegen die neue Unübersichtlichkeit.

Die Außenpolitiker sind ratlos. Selten wurde so viel gelogen, selten waren die Verhandlungspartner so unzuverlässig, selten die Institutionen so schwach. Man nehme nur das Beispiel EU: Eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Beschlüsse nicht mehr umsetzt, hat schnell jeden Kredit verloren.

Was tun? Vielleicht sich mal wieder vor Augen führen, warum diese Narzissten so groß und mächtig geworden sind. Bei aller großspurigen Hemdsärmeligkeit - Leute wie Trump und Erdogan bedienen nicht nur ihre eigene Großmannssucht, sondern auch das Selbstwertgefühl ihrer Anhänger. Dazu kommt die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen, nach klaren Feindbildern. Natürlich kann man abwarten und hoffen, dass der lauthalse Nationalismus sich als Irrweg entlarvt, bevor er die Welt in Schutt und Asche gelegt hat. Besser wäre es, etwas zu tun gegen das Gefühl, dass früher alles besser war.

albert.franz@derneuetag.de
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