Kommentar zum Besuch der Kanzlerin in der Türkei
Einverständnis und Eingeständnis: Merkel im Krisenmodus

Es war ein Kurzbesuch der Kanzlerin in der Türkei. Viel Aufwand für - wie es scheinen mag - wenig Ertrag. Doch es ging dieses Mal nicht ums Schmieden großer Pläne, um wichtige Zusagen oder bedeutsame Vertragsabschlüsse. Angela Merkel musste sich sehen lassen. Mit Flüchtlingen, um zu zeigen, dass die deutsche Kanzlerin sich nicht in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat. Mit EU-Ratspräsident Donald Tusk, um Europa den Anstrich der Geschlossenheit zu geben. Und vor allem mit der türkischen Regierung in deren Land, um den Hauptpartner in der Krise bei Laune zu halten.

Dass Merkel dabei in der Heimat unter noch genauerer Beobachtung stehen würde als sonst, musste ihr seit ihrer umstrittenen Entscheidung im Fall Jan Böhmermann klar sein. Bis ins Regierungslager hinein reichte die offene Kritik daran. Ja, Merkel ist dringend auf Ankaras Kooperationsbereitschaft angewiesen. Das muss der vorgeblich "Mächtigsten Frau der Welt" schmerzlich bewusst sein. Ebenso das von Kritikern kolportierte Zerrbild der Kanzlerin, die vom türkischen Sultan am Nasenring durch die Manege geführt wird.

Merkel versuchte in dieser Lage, es vielen recht zu machen: Für die türkische Regierung gab es neben Sprechblasen zur Pressefreiheit dickes Lob für die Krisenbewältigung. An die verzagten Europäer ging das Signal, es werde nun alles besser werden. Und die Kritiker in der Heimat versuchte sie mit einer für ihre Verhältnisse starken Geste zu beruhigen: dem offenen Eingeständnis eines Fehlers. Das war richtig, aber es kam spät und verschafft ihr womöglich nur eine kurze Pause: bis zu dem Tag, an dem Ankara sie erneut auf die Probe stellt.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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