Kommentar zum Brexit-Tempo
Die Zeiten der Extrawürste sind vorbei

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, bringt es auf den Punkt: "Brexit heißt: Ihr seid raus." Die Briten haben ihre Entscheidung getroffen - auch wenn sie sich offenbar erst hinterher bei Google schlau gemacht haben, was die Folgen dieser Entscheidung sein könnten. Großbritannien ist raus. Und zwar faktisch schon jetzt und nicht erst in zwei Jahren.

Gerade in der Wirtschaft haben die tektonischen Verschiebungen unmittelbar nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses am Freitagmorgen begonnen. Eine Schonzeit gibt es nicht. Die Chinesen, deren Europa-Investitionen einen besonders starken britischen Akzent haben, könnten sich schneller als erwartet zurückziehen. Das wäre wohl erst der Anfang einer massiven wirtschaftlichen Erosion zulasten des zukünftigen Ex-EU-Staates.

Von daher ist es absolut richtig, dass Brüssel jetzt aufs Tempo drückt. Der britische Noch-Premier David Cameron provoziert die EU-Institutionen, wenn er meint, den Anfang vom Abschied bis Herbst hinauszögern zu können. Bisher bekam er zwar auf europäischer Bühne so ziemlich alle Extrawürste gebraten, die er verlangte - man wollte Großbritannien zufriedenstellen und in der Union halten. Diese Zeiten sind vorbei.

Spätestens in dieser Woche muss die formelle Austrittserklärung der Briten auf den Tisch, damit dieser nicht nur für die Märkte schwerverdauliche Schwebezustand schleunigst beendet wird. Die folgenden Verhandlungen dürfen nicht den Eindruck erwecken, dass Cameron und Co. neue Extrawürste in Aussicht gestellt werden. Sonst könnte deren Beispiel Schule machen und das endgültige Ende der europäischen Gemeinschaft einläuten.

frank.stuedemann@derneuetag.de
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