Kommentar zum Freispruch Seseljs
Ein Kriegsverbrecher als Vorkämpfer der Islamfeinde

Der freigesprochene Kriegsverbrecher Šešelj.

"Kein Kroate wird die Stadt lebend verlassen", sagte der serbische Nationalist Vojislav Seselj in einer Rede während der Belagerung des kroatischen Vukovar 1991. In der Anklageschrift gegen ihn wurden 255 Namen in Zusammenhang mit dem Massaker von Vukovar aufgeführt.

Der Freispruch für den "Chefpropagandisten Groß-Serbiens" ist eine weitere Demütigung für viele tausend Angehörige, deren Väter und Söhne von Seseljevci - Freiwilligenverbänden, die sich nach dem "größten Nationalisten Serbiens" benannten - ermordet, deren Mütter und Töchter von der aufgeputschten Hass-Soldateska vergewaltigt wurden, für Vertriebene, deren Häuser die faschistischen Tschetniks niederbrannten.

Die Anklage beim UN-Kriegsverbrechertribunal hat es in mehr als 13 Jahren nicht geschafft, detaillierte Befehlsketten und Verantwortlichkeiten nachzuweisen. Von Beginn an gab es Kritik an den schlampigen Ermittlungen. Dass es möglich gewesen wäre, zeigt nicht nur das Urteil gegen Radovan Karadzic, den politischen Haupttäter, der zu 40 Jahren Haftstrafe verurteilt wurde. Auch der 6. Mai 1992 in Hrtkovci ist ein Beleg dafür: Häufig begann wie hier ein Gemetzel, nachdem Seselj eine seiner Hassreden vom Stapel ließ.

Dass der rassistische Brandstifter, wegen einer Krebserkrankung vorzeitig aus der Untersuchungshaft entlassen, zur Urteilsverkündung erst gar nicht erschien, weil er "Wahlkampf machen" müsse, ist unerträglich. Seiner Serbischen Radikalen Partei (SRS) wird ein Comeback als drittgrößte Kraft prognostiziert.

Das Programm: ein Großserbien, in dem kein Platz für Muslime, Bosniaken und Kroaten ist. Außenpolitisch möchte Seselj, der eine Entschädigung von 14 Millionen Euro für seine elf Jahre dauernde Haftzeit verlangen will, seine Ziele mit der "großen Liebe" Putin-Russland gegen den "Teufel EU" erreichen. Kommt einem bekannt vor: Seselj begreift sich heute mehr denn je als Verteidiger des christlichen Abendlandes.

juergen.herda@derneuetag.de
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