Kommentar zum Friedensnobelpreis 2016
Der Friedensnobelpreis für Santos ist ein vages Zukunftsversprechen

Juan Manuel Santos ist nicht der erste ehemalige Verteidigungsminister, der sich zum Friedensstifter wandelte. Und der 65-jährige kolumbianische Präsident ist auch nicht der erste Friedensnobelpreisträger, der erst im Laufe der Jahre erkennt, dass es in dem Konflikt, den er zu gewinnen sucht, keine militärische Lösung geben kann.

Kolumbien investierte rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Krieg gegen die Farc-Guerilla - und gewann dennoch nicht. Im Gegenteil: Im erbitterten Kampf gegen die Rebellen gab es massive Rechtsverstöße und Gräuel durch die Regierungstruppen, auch unter Santos Führung. Und noch im Präsidentenwahlkampf im Jahr 2010 versprach Santos, damals Verteidigungsminister unter Staatschef Alvarto Uribe, den harten Kurs seines Vorgängers, eines erzkonservativen Hardliners, fortzusetzen.

Es ist Santos' Verdienst, dass sich nach mehr als einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg die Perspektiven für den Narcostaat Kolumbien aufgehellt haben. Bis zum vergangenen Sonntag, als die Mehrheit der Kolumbianer den Friedensvertrag mit Farc ablehnte. Nach mehr als 220 000 Toten, Hunderten Entführungen, unter ihnen die Uribe-Gegnerin Ingrid Betancourt, und Millionen von Binnenvertriebenen, die ihr Leben in den Elendsvierteln der Großstädte fristen, wollten die Mehrheit offensichtlich nicht nur Aussöhnung, sondern auch Sühne. Die Vorstellung, dass Farc-Führer im Parlament und nicht im Gefängnis sitzen, erschreckte sie.

Mit der Referendums-Niederlage ist Santos gescheitert. Wie Barack Obama oder Jitzhak Rabin, Schimon Peres und Jassir Arafat vor ihm erhält der Kolumbianer den Nobelpreis ohne, dass er geliefert hat. Gut möglich, dass ihm die Auszeichnung Rückenwind verleiht. Die moralisch Unterstützung hat Santos auch dringend nötig. Bisher hat es der Präsident nicht verstanden, in der kolumbianischen Bevölkerung für einen Mehrheit für das Friedensabkommen zu werben.

Zwar gilt noch bis Ende Oktober der Waffenstillstand, doch die Farc-Guerilla zieht sich bereits in ihre Gebiete zurück. Zudem dürfte es in den Kadern den einen oder anderen Gekränkten geben, der auch gerne den Nobelpreis erhalten hätte. Zumal Unterhändler über Jahre für Santos und den Farc-Chef die Verhandlungen geführt haben. Auch sie gehen leer aus. All das macht die Fortsetzung des Friedensprozess nicht leichter. Wenn der Nobelpreis berechtigt sein soll, muss nun die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass der Friedenprozess nicht kollabiert.

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