Kommentar zum Jahreswechsel
Gegen die Schatten der Vergangenheit hilft nur Vernunft

Das Jahr 2015 hat schon viele Etiketten verpasst bekommen. Als Jahr der Ratlosigkeit, als Jahr zum Verzweifeln, als Jahr, in dem die Welt aus den Fugen geriet. Ja, die Wolken, die schon 2014 aufzogen, sind noch etwas finsterer geworden.

Plötzlich sind die Schatten der Vergangenheit wieder da, schicksalsträchtig wie eh und je: der Ost-West-Konflikt, wie er sich bitter im Ringen um die Ukraine gezeigt hat. Der Nord-Süd-Konflikt, nicht nur wirkmächtig innerhalb Europas bei der Griechenlandkrise, sondern auch im Wohlstandsgefälle zwischen Europa und Afrika. Dann die Rückkehr des Nationalismus in der EU, der die Staatengemeinschaft in der Flüchtlingskrise an den Rand der Handlungsunfähigkeit, wenn nicht gar der Spaltung getrieben hat. Und nicht zuletzt zeigt uns die Angst vor dem Islam, wie eng verflochten in Teilen der Welt Glaube und Politik noch immer sind, so, als hätte es die Aufklärung nie gegeben.

Doch Angst ist ein schlechter Berater, denn Angst essen Seele auf. Deshalb muss man sich fragen, warum es so schwer ist, aus der Geschichte zu lernen. Warum die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges nicht ausgereicht hat, um die alten Denkmuster endgültig zu vertreiben. Warum keiner der Krisenherde so richtig befriedet, sondern meist nur ein bisschen Zeit gekauft worden ist.

Nein, Griechenland ist nicht gerettet. Der IS-Terror ist nicht besiegt. Die Fluchtursachen sind nicht so schnell zu beseitigen. Und weitere Krisen drohen: Die Zeit des billigen Öls wird nicht ewig dauern. Rächen werden sich früher oder später auch die Jahre des billigen Geldes. Und nicht auszudenken, was passiert, wenn es nicht gelingt, Großmächte wie Russland, China oder Indien, aber auch aufstrebende Mittelmächte wie Iran oder die Türkei mit Vernunft ins Spiel der Kräfte einzubinden.

Ja, man könnte verzweifeln angesichts der vielen dunklen Mächte. Es ist alarmierend, wie Hass und Hetze um sich greifen. Wie die Sprache verroht. Wie die globalisierte Welt sich zu überdrehen scheint. Wie sie sehenden Auges in die Klimakatastrophe schlittert. Aber Verzweiflung hilft nicht weiter. Wir werden 2016 wieder mehr darauf achten müssen, was auf dem Spiel steht.

albert.franz@derneuetag.de
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