Kommentar zum Kopftuch-Urteil
Kant mit Kopftuch oder die kleinste gemeinsame Leitkultur

Das Kreuz mit der Leitkultur endet nicht in den Klassenzimmern: Müssten 80 Millionen Bundesbürger formulieren, was sie darunter verstehen, wir bekämen zweifellos 100 Millionen Leitbilder - die Leitkultur als eierlegende Wollmilchsau.

Leitkultur setzt den Konsens über gemeinsame Überzeugungen voraus. Viel ist die Rede von christlich-abendländischer Prägung. Was bedeutet es für unsere Kultur, dass sich der Glaube eines jüdischen Wanderpredigers aus dem Nahen Osten in Europa verfremdet als Staatsreligion durchsetzte? Oder dass die Aufklärung den Einfluss der Religion auf die Politik zurückdrängte? Dass am Ende der Kette die Parteien mit dem C beide Gegensätze vereinen?

In einem Jahrhunderte langen Prozess kristallisierte sich eine Staatsform heraus, die auf Kontrolle der Mächtigen und Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen setzt. Demokratischer Pluralismus schützt die Meinung des jeweils Andersdenkenden - die Meinungsfreiheit endet, wo die Persönlichkeitsrechte der Anderen beginnen: Etwa beim Recht, ein Kopftuch, zu tragen, der Religionsfreiheit oder der Freiheit, gottlos und dekadent zu sein. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße. Die Demokratisierung der Gesellschaft erlitt schlimme Rückschläge: Totalitäre Diktaturen prägten das 20. Jahrhundert. Trotz der Formulierung globaler Menschenrechte werden diese bis heute mit Füßen getreten - erst Kolonialismus, dann zügelloser Kapitalismus beuteten Mensch und Natur schonungslos aus.

Auf welche gemeinsamen Werte können wir Europäer uns heute einigen? Gemeinsame Friedens- und Umweltpolitik? Mitnichten. Offene Grenzen? Passé. Toleranz? Nicht mit den Populisten. Die Realität ist: Die innere Logik liberaler Demokratien ist die Ausdifferenzierung der Gesellschaft - oder auch ihre Zersplitterung. Deshalb kann unsere Leitkultur frei nach Kant nur lauten: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg' auch keinem anderen zu.

juergen.herda@derneuetag.de
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