Kommentar zum Kulturkampf in Deutschland
Im Kampf um die Kleiderordnung steckt zu viel Islamfeindlichkeit

So richtig überraschen können die jüngsten Zahlen der Statistiker aus Wiesbaden nicht: Durch die Fluchtbewegungen ist der Ausländeranteil in Deutschland allein bis Ende 2015 auf den Spitzenwert von 10,5 Prozent gestiegen - und er wird weiter zunehmen. Dagegen war die Wanderungsbewegung von Ost nach West nach der Wiedervereinigung ein Klacks - und das, obwohl allein in den beiden Jahren 1989 und 1990 gut 780 000 Menschen von Ost- nach Westdeutschland zogen.

Doch gegen die Ossi-Wessi-Sticheleien von damals gleicht die Debatte heute einem Vulkan. Deutschland befindet sich in einem Kulturkampf. Dafür sprechen die 21 Prozent, auf die die AfD gerade in den Wahlumfragen für Mecklenburg-Vorpommern kommt. Dafür spricht die verbissene Debatte um Burkas und Burkinis. Dafür sprechen viele Beiträge, in denen Islamfeindlichkeit öffentlich zur Schau getragen wird. Manche machen sich noch die Mühe, zwischen friedfertigen Muslimen und politischen Islamisten zu unterscheiden. Für manche aber geht es nur noch darum, eine angebliche Islamisierung des Landes zu verhindern. In Frankreich haben die Burkini-Gegner gerade eine herbe juristische Schlappe hinnehmen müssen. Es gebe keine Belege dafür, dass die Ganzkörper-Badeanzüge für Musliminnen die öffentliche Ordnung an den Stränden gefährden. Andererseits: Mitte 2014 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geurteilt, dass ein Verbot von Burka und Nikab nicht gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

Gesicht zeigen ja, aber niemand muss seine Haut zu Markte tragen. Entlang dieser Linie wird sich eine europäische Kleiderordnung finden lassen. Bis dahin ist es an der Zeit, verbal abzurüsten. Auch eine liberale Gesellschaft braucht Leitplanken. Aber der Kampf um die Kleiderordnung darf kein Vorwand sein für plumpe Islamfeindlichkeit.

albert.franz@derneuetag.de
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