Kommentar zum Merkel-Besuch in Prag
Neuer "Eiserner Vorhang" trennt in der Flüchtlingspolitik

Wirtschaftlich und touristisch ist Tschechien so nah, und politisch ganz weit weg. Während der Warenaustausch neue Höhen erklimmt, rutscht das bilaterale Verstehen auf einen Tiefpunkt ab. Inzwischen überholt in Tschechien sogar Wladimir Putin in der Beliebtheit Angela Merkel. Und das heißt was. Das Treffen mit Regierungschef Bohuslav Sobotka am Donnerstag stellt für die Bundeskanzlerin eine der größten Herausforderungen ihrer Europa-Reise dar.

Während Merkel einen gesellschaftlichen Kraftakt für die Integration der Migranten anstrengt, setzt Tschechien auf Abschreckung: Es Flüchtlingen so ungemütlich zu machen, dass sie überhaupt nicht auf den Gedanken kommen, einzureisen. Das Nachbarland ist durch diese nicht an der Humanität orientierte Vorgehensweise so gut wie "flüchtlingsfrei". Die islamische Massenzuwanderung verkörpert in der Prager Burg den Kampf der Kulturen schlechthin. Mit dieser Haltung befindet sich Tschechien im Gleichklang mit Ungarn und Polen. Die ehemaligen Ostblock-Staaten waren über Jahrzehnte hermetisch abgeschottet; Westeuropa lebt seit dem Ende des zweiten Weltkriegs die freie und offene Gesellschaft: stets mit dem Auf und Ab von Zuwanderung und ihren Folgen konfrontiert.

Die Gegensätze in der Flüchtlingspolitik berühren zutiefst europäisches Denken und überlagern leider andere wichtige Probleme. Die östlichen Nachbarn sind eigentlich die großen Europa-Gewinner: Darin liegt auch eine Chance für die anstehenden - harten - Gespräche.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.