Kommentar zum Papst-Schreiben über die Liebe
Franziskus setzt auf den Wandel von innen

Vier große Überlieferungen gibt es vom Wirken Jesu, und jede fällt etwas anders aus. An die vier Evangelien fühlt man sich auch erinnert, liest man die Reaktionen auf das Schreiben von Papst Franziskus über die "Freude der Liebe". Die zwei Extreme: Der 87-jährige Kurienkardinal Walter Brandmüller warnt vor einer Verwässerung der kirchlichen Lehre und einer "Salami-Taktik", mit der Wiederverheiratete vielleicht doch die Zulassung zu den Sakramenten erreichen könnten. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken dagegen jubelt, der Papst setze die Barmherzigkeit über eine "kalte Schreibtischmoral" und bringe kirchliche Lehre und Lebenspraxis wieder näher zusammen.

Ja, was nun? Dieser Papst will keine Revolution, er setzt seine Politik der Nadelstiche fort. Es geht um Wandel von innen, statt Diktat von oben. Das Gewissen ist wichtiger als kirchliche Ausführungsbestimmungen. Die reine Lehre bleibt - auch in Sachen Liebe und Sex. Aber was sind schon Doktrinen gegen die Not der Menschen? Auch Geschiedenen, die in einer neuen Verbindung leben, müsse die Kirche spüren lassen, dass sie Teil der Kirche und "keineswegs exkommuniziert" seien. Und ganz beiläufig sieht der Papst im Zölibat die Gefahr einer "bequemen Einsamkeit", gegen die das Zeugnis der Verheirateten glänze. Das sitzt.

Auch dieser Papst kann nicht alle Regularien über Bord werfen. Homosexualität - soll vorkommen, entspricht aber nicht Gottes Plan. Empfängnisverhütung - ist üblich, entspricht aber nicht dem Ideal. Franziskus aber weiß um die Fehlbarkeit des Menschen, wie weit sich Lebenswege von der Heiligkeit entfernen können.

"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Angeblich ist das eines seiner Lieblings-Bibelzitate. In "Amoris Laetitia" wandelt es Franziskus um: "Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums." Priester und Bischöfe dürften moralische Gesetze nicht anwenden, "als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft". Ja, so könnte das mit der christlichen Barmherzigkeit ursprünglich gemeint gewesen sein. Und wer, wenn nicht die Kirche, sollte Experte im Verzeihen sein.

albert.franz@derneuetag.de
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