Kommentar zum Start der Fußball-EM
Die EM ist mehr als eine willkommene Ablenkung

Es gehört zu den ebenso beliebten, wie verzerrten Trugbildern, dass Sport nichts mit Politik zu tun hat. Ab sofort dreht sich alles um den EM-Ball in Frankreich. Und allein schon die Sicherheitsvorkehrungen zeigen, dass diese Europameisterschaft anders ist als sonst. Nie war das politische Umfeld heikler, die gefühlte Terrorgefahr größer, die Fliehkräfte im Europa der 28 stärker. Die Griechenland-Rettung hat ihre Spuren hinterlassen, die Flüchtlingswelle hat die EU an den Rand der Handlungsunfähigkeit getrieben. Nie waren in Europa die so laut, die auf eine Renationalisierung der Politik setzen. Und nie war das Klima so aufgeheizt.

Kein Vergleich mit dem Sommermärchen 2006, als die Deutschen plötzlich lernten, ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold zu schwelgen. Heute ist die Verunsicherung so groß, dass manche ihre Fähnchen erst gar nicht ausrollen wollen, weil sie nicht in die rechte Ecke gestellt werden wollen. Manche meiden das Public Viewing - schlicht aus Angst. Und dann wird da noch mitten in die EU-Krise und mitten in die EM in gut einer Woche die Abstimmung der Briten über den Brexit platzen. Nicht auszudenken, wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas der EU den Rücken kehrt. "Bitte geht nicht", hat der "Spiegel" sein Magazin zum Wochenende betitelt. Ein flehender Appell, geboren aus der Angst, dass der Brexit der Anfang vom Ende der EU sein könnte.

Vielleicht ist es mehr als eine willkommene Ablenkung, dass jetzt vier Wochen "König Fußball" regiert. Die EM könnte eine der Stärken Europas in Erinnerung rufen, die Einheit in Vielfalt. Sie könnte wieder bewusstmachen, dass es auch einen gesunden Nationalstolz gibt, der sich nicht erhebt über andere. Dass es reichlich gleichgültig ist, ob ein Muslim oder ein Christ, ein Fußballer mit oder ohne Migrationshintergrund das entscheidende Tor schießt. Denn so war das mit Europa gemeint.

albert.franz@derneuetag.de