Kommentar zum Strafantrag gegen Böhmermann
Erdogan in der Satire-Falle

Recep Tayyip Erdogan hat nicht dazugelernt. Der türkische Staatschef verlangt, dass Jan Böhmermann für sein Schmähgedicht büßen soll. Nun könnte die ewige kulturphilosophische Diskussion, wo die Grenzen der Satire liegen, von Politikern, Juristen und Diplomaten geführt werden. Ein Szenario, vor dem allen Beteiligten grauen dürfte.

Böhmermanns drastisches Gedicht sollte aufzeigen, was echte Schmähkritik ist. Also vulgäre Beleidigungen als Mittel in einem satirischen Gesamtbild. Dies unter all den erregten Instanzen juristisch zu entwirren, gleicht dem gordischen Knoten.

Doch das Gedicht ist längst nicht mehr das eigentliche Problem. Seit Tagen beschädigt nicht Böhmermann den beleidigten Präsidenten. Erdogan beschädigt Erdogan. Denn der Kurs der unbedingten Härte, sein bevorzugter Modus Operandi auf politischem Parkett, greift auf diesem Feld nicht. Im Gegenteil. Mit jeder Äußerung, jedem weiteren Schritt, jedem Dieter Hallervorden, der sich einmischt, steht Erdogan schwächer da. Gianis Varoufakis, dem Böhmermann unlängst einen - Grimmepreis-dekorierten - Stinkefinger untergeschoben hat, beweist Humor und ergreift für den Spötter Partei. Obwohl der Finger-Skandal für den damaligen griechischen Finanzminister eine Katastrophe war.

Es hat seine Bewandtnis, dass Spaßmacher in vielen Kulturen als unantastbar galten. Auch Wilhelm Busch sagte: "Ein jeder Narr tut, was er will. Na, meinetwegen! Ich schweige still." Erdogan hat es verpasst, staatsmännisch über das Schmähgedicht hinwegzusehen. Er kann aber immer noch eine Entschuldigung einfordern, statt auf einer Strafe zu bestehen. Und so sein Gesicht wahren.

tobias.schwarzmeier@derneuetag.de
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