Kommentar zum Stühlerücken im Kreml
Trotz aller Kraftmeiereien: Putins Reich steht auf tönernen Füßen

Ein bisschen ist es wie in der schon vergessen geglaubten Zeit der Kreml-Astrologen: Wladimir Putin entmachtet seinen langjährigen Vertrauten, den mächtigen Leiter des Präsidialamtes, einen möglichen Kronprinzen - und die Welt weiß so gar nicht, was sie davon halten soll. Ist es ein Zeichen der Stärke oder der Schwäche des Präsidenten? Hat er Angst vor Widersachern, die ihm gefährlich werden könnten, oder rüstet sich der Kremlchef schon für die Präsidentenwahl 2018?

Gute Argumente gibt es für beide Lesarten. Die jüngsten Rochaden aber sind vor allem ein Beweis, dass auch die russische Führung nicht der monolithische Block ist, als die sie der Westen gern wahrnimmt. Putins Freunderlswirtschaft mit alten KGB-Weggefährten ist legendär, seine Hassliebe zu den Oligarchen des Landes auch. Aber mit Macht und Geld allein lässt sich Treue nicht kaufen.

Russland leidet - nicht nur an der Missachtung durch die USA, sondern vor allem wirtschaftlich. Dazu tragen die Sanktionen des Westens ebenso bei wie die abgeschmierten Energiepreise. Solange es Russland an Prosperität fehlt, steht Putins Riesenreich auf tönernen Füßen. Auch mit nationalistischen Tönen und außenpolitischer Kraftmeierei kann der Kreml-Chef nicht übertünchen, dass Russland schon bessere Jahre gesehen hat. Da helfen auch die neuen Freundschaftsbekundungen eines Recep Tayyip Erdogan oder - noch fragwürdiger - eines Donald Trump wenig.

Wie anfällig autokratische Systeme für Umsturzversuche sein können, hat sich gerade in der Türkei gezeigt. Vor 25 Jahren - am Morgen des 19. August 1991 - rollten Panzer durch Moskau. Der Putschversuch gegen Michail Gorbatschow scheiterte zwar, besiegelt aber dennoch das Ende der Sowjetunion.

albert.franz@derneuetag.de
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