Kommentar zum Tod von Hans-Dietrich Genscher
Einsatz für Europa, für Frieden und für Freiheit bleiben im Gedächtnis

Hans-Dietrich Genscher ist wie kaum ein deutscher Politiker mit den Höhen und Tiefen der langsam erwachsen werdenden Bundesrepublik verbunden. Das Versagen der Sicherheitsbehörden beim Olympia-Attentat von München 1972 war nicht nur für den damaligen Bundesinnenminister (1969-1974) der Tiefpunkt, sondern auch für die Bonner Republik. Es zerstörte die Hoffnung der Deutschen, mit den "heiteren Spielen" ein anderes Deutschland zu zeigen. Damals endet fast die politische Karriere Genschers, obwohl er sich selbst als Geisel anbot.

Den Fall des Eisernen Vorhangs erlebte und gestaltete der Liberale als Außenminister (1974-1992) mit. An der Seite von Bundeskanzler Helmut Kohl schmiedete er die deutsche Wiedervereinigung. Genschers größter Erfolg. Dabei kam dem abwechselnd als diplomatischen Vielflieger oder rastlosen Außenminister titulierten sein Beziehungsnetz zugute, das er in den Jahren zuvor geknüpft hatte. Im Zuge der Entspannungspolitik setzte Genscher auf persönliche Gespräche, verhandeln und weiterverhandeln. 1992 trat er rechtzeitig zurück, ehe er Gefahr lief, sich wie später Kohl selbst zu demontieren. In der Unübersichtlichkeit nach Ende des Kalten Krieges fehlte Genscher erkennbar der Kompass.

Kritiker hielten Genscher vor, anpassungsbereit zu sein bis zur Selbstaufgabe, was sie spöttisch "genschern" oder "Genscherismus" nannten. Politiker anderer Parteien betrachteten ihn je nach Zeitpunkt als Verbündeten oder Verräter, Partner oder Gegner. Dazu trug bei, dass er sowohl die sozial-liberale Ära mit einläutete, als auch Jahre später den Seitenwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, die "Wende". Beides, als es die Machtoption für die FDP erforderte.

Unabhängig davon bleiben Genschers Einsatz für Europa, für Frieden und für Freiheit im Gedächtnis. Dazu zählen die Bilder seiner Ansprache in der deutschen Botschaft in Prag, aber auch vom Durchschneiden des Grenzzauns bei Waidhaus.

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