Kommentar zum Tod von Walter Scheel
Auch der Bonner Politikstil ist gestorben

Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt, Egon Bahr, Hans-Dietrich Genscher - und jetzt Walter Scheel. Ikone für Ikone hat sich die Bonner Republik in den vergangenen Monaten verabschiedet. Und mit ihr ein Politikstil, in dem auch drastische Worte mit Bedacht gewählt und nicht alle entgegengereckten Mikrofone mit Worthülsen versorgt wurden. Altkanzler Helmut Kohl mag als letzter Vertreter der alten Bonner Klasse noch übrig sein - mit seiner provinziellen Polterei konnte er es mit Feinspinnern wie Scheel trotz aller historischen Verdienste nie aufnehmen.

Denn der ehemalige Minister und Bundespräsident war mehr als nur der "Bruder Lustig" der FDP, mehr als ein Lifestyle-Politiker, der schon Maßanzüge trug und Zigarren schmauchte, als der spätere Armani-Kanzler Gerhard Schröder noch bei den Jusos kämpfte. Seine rheinische Frohnatur konnte oft darüber hinwegtäuschen, dass Scheel hart in der Sache war, wenn es drauf ankam. Und dass er auf der Klaviatur der politischen Macht spielen konnte wie wenige andere. "Es gibt überhaupt keinen Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte", soll er einmal zu Vertrauten gesagt haben. Am stärksten aber war immer sein Draht zum Volk, und dazu brauchte er weder platte Parolen noch Populismus.

Wenn einer wie Scheel geht, bleibt die Frage: Woran liegt es, dass Staatsmänner (oder -frauen) von Format eine aussterbende Spezies zu sein scheinen? Vielleicht werden sie Opfer unserer Talkshow-Kultur, in der oft nur die schnelle, zugespitzte Antwort zählt. Zuhören, Nachdenken, Abwägen - Tugenden, die scheinbar Volk und Volksvertretern gleichermaßen abhanden gekommen sind.

frank.stuedemann@derneuetag.de
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