Kommentar zum Treffen von Franziskus und Kyrill I.
Universalistischer Papst trifft nationalistischen Patriarchen

Die Nachricht vom bevorstehenden Gespräch zwischen Papst Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. in Havanna kann ein "Hoffnungszeichen" für die Ökumene sein, wie Bischof Gerhard Feige sagt. Schließlich sind sich Führer beider Kirchen über Jahrhunderte aus dem Weg gegangen. Gespräche sind allemal besser als Schweigen, zumal es unverständlich scheint, warum Russisch-Orthodoxe und Katholiken nicht zueinanderfinden, wenn sich doch beide als Christen verstehen.

Niemand sollte die Erwartungen zu hoch hängen. Auf dem Flughafen der kubanischen Hauptstadt werden zwei Kirchenoberhäupter für zwei Stunden miteinander sprechen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier, mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche, der Universalist. Dort, mit dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der Nationalist.

Das gleiche gilt für die jeweiligen Kirchen. Die katholische versteht sich als universalistische Weltkirche, die russisch-orthodoxe als Staatskirche. Kyrill I. unterstützt bedingungslos den Kurs seines Freundes Wladimir Putin, dessen Präsidentschaft er einmal als "Wunder Gottes" bezeichnete. Dazu gehört auch dessen interventionistische Außenpolitik in Osteuropa und im Nahen Osten.

Auch deshalb schiebt die russisch-orthodoxe Kirche seit einiger Zeit die Warnungen vor dem "wirklichen Völkermord" an Christen in Nahost und Nordafrika in den Vordergrund. Ein Thema, das sie nun auch zur Begründung für das Treffen in Havanna anführt. Doch der Genozid droht nicht nur Christen, sondern auch Jesiden, Shabak und anderen Minderheiten, worauf die katholische Kirche immer wieder hingewiesen hat.

Bisher sind die friedensethischen Vorstellungen der russisch-orthodoxen Kirche nicht ohne weiteres mit denen im Westen vereinbar. Dennoch bietet das Treffen in Havanna eine Chance. Will die russisch-orthodoxe Kirche tatsächlich in der Ökumene vorankommen, muss sie universalistischer werden. Das aber würde nicht nur russischen Gläubigen, sondern allen Menschen dienen. Franziskus sollte Kyrill daran erinnern.

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