Kommentar zum Unionskrach um die Flüchtlingspolitik
Szenen einer Ehe: Auch Seehofer weiß, Scheidungen sind teuer

Entfremdung, Zerrüttung, getrennte Wege. Horst Seehofer gegen Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Volker Kauder gegen Horst Seehofer. Ginge es nach den Szenen einer Ehe, gäbe es zwischen CDU und CSU nur noch die Scheidung. Doch der Dauerkonflikt um die Flüchtlingspolitik folgt anderen Gesetzen.

Horst Seehofer hat ein gewichtiges Pfund, mit dem er immer noch wuchern kann. Und das sind die rund 48 Prozent, die der CSU in Umfragen nach wie vor zugesprochen werden. Gleichzeitig kann die CSU die AfD in Bayern bislang bei unter zehn Prozent halten. Das ist beileibe keine Kleinigkeit angesichts von Umfragewerten für die Rechtspopulisten zwischen 15 und 20 Prozent in anderen Bundesländern.

Doch Seehofer zahlt für seine Strategie einen hohen Preis. Es hat immer noch Gewicht, wenn ein Altvorderer wie Hans Maier dem CSU-Chef vorwirft, die AfD "nachzuäffen" und mahnend den Zeigefinger hebt, man dürfe das Ende der Willkommenskultur nicht als Fest feiern. Und Maier vergisst nicht zu erwähnen, dass er sich darin einig weiß mit Parteigranden wie Theo Waigel und Alois Glück.

Mahner wie Maier und Geißler sind schon lange keine Pragmatiker der Macht mehr, aber sie haben ein feines Sensorium dafür, dass es auch in der Politik Sollbruchstellen gibt. Diese Sollbruchstellen rücken näher, weil die AfD zunehmend ihr wahres Gesicht zeigt, weil es im Kampf um die AfD-Wähler auch für die CSU Grenzen gibt, und weil die Leidensfähigkeit der CDU beschränkt ist. Weitere Eskalationsstufen gibt es kaum noch - vor der Trennung. Aber auch bis zu Horst Seehofer hat sich herumgesprochen, wie teuer eine Scheidung werden kann.

albert.franz@derneuetag.de
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