Kommentar zum Wahlsieg Van der Bellens in Österreich
Knappe Mehrheit verhindert Österreichs Isolation in Europa

Ein Grüner als Bundespräsident in Österreich? In einem Land, in dem anders als in Deutschland die Grünen auf Bundesebene noch keiner Regierung angehörten, geschweige denn, dass es einer zum Landeshauptmann gebracht hätte - nur auf Länderebene gab es Koalitionen mit der SPÖ in Wien, mit der ÖVP in Vorarlberg und Oberösterreich.

Alexander Van der Bellen ist der Kretschmann Wiens. Kein Klischee-Grüner mit Strickpulli, sondern knorriger Wirtschaftsprofessor, der seine Langsamkeit im Wahlkampf zum Markenzeichen machte. Als Norbert Hofer den 72-Jährigen anfährt, er solle schneller reden, antwortet der: "Das spricht für einen Bundespräsidenten, der überlegt sich vorher was, dann spricht er - dass ich etwas langsamer bin, spricht für mich."

Der ehemalige Grünen-Chef punktete in der Mitte, weil er anders als Hofer seiner Partei entwachsen ist. Man traut ihm Überparteilichkeit zu, wo der FPÖ-Kandidat drohte, die Regierung zu entlassen, wenn ihm deren Politik missfalle - vorgezogene Parlamentswahlen als Steilvorlage für die FPÖ, die jetzt erst Recht das Kanzleramt ins Visier nimmt. Van der Bellen vereinigt hinter sich nicht nur die "linke Schickeria", wie Hofer höhnte, sondern alle Österreicher, die nicht wieder in Europa isoliert sein wollen wie in der Ära Waldheim.

Wunder darf man sich von dem intellektuellen Agnostiker nicht erwarten: Auch ihm wird kaum gelingen, woran die etablierten Parteien seit Jahren scheitern - Österreichs Wutbürger zurück ins Boot zu holen. Eine Minimalchance hat das repräsentative Staatsoberhaupt dennoch: Zusammen mit dem kernigen neuen Kanzler das Erfolgsmodell Österreich zu revitalisieren und so der Anti-Partei FPÖ den Zahn zu ziehen. Viel Glück dabei, Felix Austria!

juergen.herda@derneuetag.de
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