Kommentar zum Wechsel von Martin Schulz nach Berlin
Schulz mit schwerem Gepäck

Der Jubel bei den Linken und der AfD war gleichermaßen groß, als Martin Schulz seinen Wechsel in die Bundespolitik bekanntgab. Der 60-Jährige ist für alle EU-Kritiker ein rotes Tuch. Als Vollblut-Europäer steht er für eine weitere Polarisierung des Themas. Ob Schulz nun für die Sozialdemokraten ein Volltreffer im Bundestagswahlkampf 2017 ist? Es liegt wohl eher an der mangelnden Popularität von SPD-Chef Sigmar Gabriel, dass mancher Genosse den Noch-Präsidenten des Europäischen Parlaments als Heilsbringer im Kampf ums Kanzleramt sieht.

Schulz als potenzieller Nachfolger von Außenminister Frank-Walter Steinmeier - das passt auf jeden Fall. Seine internationalen Kontakte und seine Erfahrung im Umgang mit Problemfällen sind Trumpfkarten für den Posten. Aber ob er auch der passende Kandidat in der K-Frage ist? Gegen Angela Merkel anzutreten, ist ein mehr als undankbarer Job. Bisher hat noch kein Genosse der Kanzlerin das Wasser reichen können.

Das dürfte auch für Schulz schwer werden. Der Westfale sieht aus wie ein gemütlicher Beamter, neigt aber verbal gelegentlich zu Scharfschüssen. Positiv formuliert: Der "Weltpolitiker aus Würselen" bringt komplexe Themen auf den Punkt.

Er reist mit schwerem Gepäck nach Berlin. Denn in Brüssel wird die Stimme von Schulz auf jeden Fall fehlen. Er hat es als Parlamentspräsident geschafft, trotz aller Widerstände den "Laden Europa" einigermaßen zusammenzuhalten. Und der SPD-Politiker hat vor allem dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan immer wieder ordentlich die Meinung gegeigt. Der Machthaber vom Bosporus hat mit seiner jüngsten Drohung, Flüchtlinge wieder nach Europa reisen zu lassen, im Poker um den EU-Beitritt wieder eine gewaltige Schippe draufgelegt.

Schulz gehört zu den wenigen Politikern, die Autokraten und Populisten tatsächlich die Stirn bieten können.

frank.werner@oberpfalzmedien.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.