Kommentar zum Zustand Europas
Europa muss sich schon selbst retten

Ein bisschen grotesk ist es schon: Umso jämmerlicher der Zustand Europas, umso herzergreifender werden die Jubelarien auf den alten Kontinent. Vor knapp zwei Wochen stimmte Barack Obama in Hannover das hohe Lied auf Europas Einigung, eine der größten Leistungen der Neuzeit, an. Und jetzt, bei der Karlspreis-Verleihung, muss Papst Franziskus, der Argentinier, den europäischen Granden ins Gewissen reden, doch nicht fahrlässig zu verspielen, was jahrzehntelang so segensreich gewirkt hat.

Betroffen und gerührt lauschten die überzeugten Europäer seinen Worten. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel über EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bis zu EU-Ratspräsident Donald Tusk und EZB-Chef Mario Draghi. Nur: Es waren wieder einmal die falschen Zuhörer. Kein Viktor Orban, keine Beata Szydlo, oder wie sie alle heißen, die Solidarität zwar für sich in Anspruch nehmen, aber Europa vor allem als Selbstbedienungsladen begreifen. Ja, was ist nur los mit diesem humanistischen Europa, der Verfechterin der Menschenrechte und von Demokratie und Freiheit? Wenn nicht alles täuscht ist es gerade dabei, an seinem Erfolg zu scheitern. An seiner Leistung für Einigung und Sicherheit, die ihm sogar den Friedensnobelpreis einbrachte. An seinem Reichtum, der Europa zum Magneten für alle macht, die vor Armut und Krieg flüchten.

Europa und seine Ideale sind schon oft verraten worden. Aber selten so hemdsärmelig nationalegoistisch wie in der Flüchtlingsfrage. Zuerst das Versagen im Mittelmeer, dann der radikale Schnitt auf der Balkanroute. Und nun sieht es ganz so aus, als würde auch der Flüchtlingspakt mit der Türkei platzen, der eh nie mehr war als eine Scheinlösung. So traurig das ist: Der Papst wird die europäische Idee nicht retten können. Das bleibt Aufgabe der Europäer.

albert.franz@derneuetag.de
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