Kommentar zur Berufung Boris Johnsons
Polter-Politiker als fragwürdiger Chefdiplomat

Es dürfte der Höflichkeit zwischen Regierungen demokratischer Staaten geschuldet gewesen sein, dass Angela Merkel zu Protokoll gab: "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Theresa May." Vielleicht spielte da auch der räumliche Abstand zu London eine Rolle. Die Kanzlerin weilte in Kirgistan. Es wäre nachvollziehbar, sollte sie in Innerasien verdrängt haben, dass die künftige "Zusammenarbeit" mit London etwa so viel Freude verspricht wie eine Zahnwurzelbehandlung.

Schon der Begriff verbrämt, um was es in den nächsten Monaten und Jahren gehen wird. "Zusammenarbeit" meint zu einem sehr großen Teil Trennungsarbeit. Unter den Scheidungen dürfte der Brexit zu den schmutzigeren zählen. Das steht nach dem bisherigen Drohgeklimper zu befürchten, und die Berufung des Brexit-Treibers Boris Johnson zum Außenminister bringt nicht gerade einen kühlen Kopf an den Verhandlungstisch. Ganz im Gegenteil. Johnson ist ein Anti-Diplomat vom Schlage eines Donald Trump. Seine Berufung ist, als schickte man einen Elefanten in den Porzellanladen.

Das Problem ist nicht, dass Johnson ein bekennender EU-Aussteiger ist. Ein offenes Bekenntnis zum Brexit ist beim Verhandeln hilfreich. Doch ein Polterer wie Johnson kann noch größeren Schaden anrichten. London und die EU dürfen nur im Guten auseinandergehen und müssen engste Freunde bleiben. Für ein Zerwürfnis sind die gemeinsamen Interessen zu groß und die internationalen Konflikte zu schwerwiegend, welche alle Seiten fordern.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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