Kommentar zur Brexit-Debatte
Entzauberung der EU-Feinde als Chance für die Demokratien

Noch vor dem politischen Brexit kam der fußballerische Exit: Den Knockout Englands durch Island bei der EM - Empire gegen Zwergenstaat - verfolgten Millionen Kontinentaleuropäer mit einer gewissen Schadenfreude: Authentisch und erfrischend nachzulesen in den sozialen Netzwerken. Auch wenn das Ereignis eher folkloristischer Natur ist, deutet es auf die derzeitige Stimmungslage hin.

In UK selber macht sich bei den Brexit-Befürworten nach dem Siegesrausch ein Kater breit - bis dahin, dass plötzlich kaum jemand noch für "Leave" votiert haben will. Mit dem Verlassen der noch vor einer Woche so verdammten EU, wofür sogar Nazi-Vergleiche herhalten mussten, haben es Johnson, Farage & Co auf einmal gar nicht mehr eilig. Denn sie sind nur auf den Protest gepolt, keineswegs auf die politische Gestaltung. Von Verantwortung, Fähigkeit zu Kompromissen und gesellschaftlichem Konsens ganz zu schweigen.

Bei allen bekannten Schwächen und Defiziten der EU: Aus dem freien Binnenmarkt - dem Wegfall der Handelsbarrieren - speist sich Prosperität. Ohne diese Wertschöpfung aus dem grenzenlosen Warenverkehr würde auch eine wichtige Zufuhr für das üppige Sozialsystem wegfallen, um das die restliche Welt die meisten EU-Länder beneidet. Gerade die von den Segnungen der Wohlfahrt betroffene Klientel der rechtspopulistischen Parteien in Europa würde schnell und schmerzhaft erfahren, was es politisch angerichtet hat.

Der Brexit und seine Folgen entzaubern die neuen Bewegungen in vielen europäischen Ländern. Die EU-Feinde müssen Antworten geben und (machbare) Alternativen aufzeigen. Nur demagogisches Sprücheklopfen ist auf Dauer zu billig - und zu durchsichtig.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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