Kommentar zur Brexit-Entscheidung
EU muss mit dem Willen zu Reformen auf Brexit reagieren

Dem über Jahrzehnte hinweg strapazierten "Sonderweg" folgt nun der Exodus. Schon einmal haben die Briten den wirtschaftlichen Anschluss an Europa verpasst, als sie mit reichlicher Verspätung der einstigen EWG beitraten: Während damals die Gründer-Länder boomten, setzte in Großbritannien eine Deindustrialisierung ein, die bis heute andauert.

Die aktuelle Volksentscheidung, die EU zu verlassen, ist demokratisch. Aber ist sie auch rational? Die "Leave"-Kampagne mag demagogisch gewesen sein und diffuse Ängste geschürt haben, gerade in der unteren Mittelschicht und bei den Älteren: Das Votum bedeutet eine Klatsche für die gescheiterte Migrationspolitik der EU, die bis heute nicht fähig ist, ihre Außengrenzen gegen unkontrollierte Zuwanderung zu sichern. Die Befindlichkeiten der Menschen sind keine "englische Krankheit", sondern eine europäische Epidemie: verstärkt durch nationale und rechts-autoritäre Untertöne.

Ein isoliertes Insel-Denken mit vermeintlich einfachen Lösungen taugt nicht in einer komplizierten, komplexen und total vernetzten Welt. Die Illusion vom "Unabhängigkeitstag" wird spätestens dann platzen, wenn Nordirland und Schottland jeweils ihren eigenen EU-Weg gehen.

Sollten tatsächlich in der Europäischen Union künftig wieder Ideale und Werte in den Vordergrund rücken - anstelle einer undurchsichtigen Transfer-, Subventions- und Regulierungs-Superbehörde - würde der aktuelle Schaden noch Nutzen bringen. Die EU muss mit Reform-Willen auf den Brexit reagieren - und dabei die Menschen mit ins Boot nehmen.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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