Kommentar zur Debattenkultur in den sozialen Netzwerken
Burka, Kinderehen, Harting: Hauptsache Empörung

Geht es nach den sozialen Netzwerken, gibt es derzeit nur drei existenzielle Fragen: Wie verhält man sich anständig bei einer Siegerehrung? Was tun mit Kinderehen unter Flüchtlingen? Und: Wie gefährlich ist die Burka fürs christliche Abendland?

Was Christoph Harting, den Olympiasieger im Diskuswerfen angeht: Gut, es war etwas daneben, wie er da während der deutschen Hymne die Arme vor der Brust verschränkte, vor sich hinpfiff und Faxen machte wie ein Halbstarker. Aber daraus eine Staatsaffäre basteln? Harting hat sich inzwischen entschuldigt, er sei "übersteuert" gewesen, überwältigt vom Erfolg. Und dabei sollte man es dann auch bewenden lassen.

Es sind die Relationen verloren gegangen im deutschen Empörungswesen, auch beim Thema Kinderehen. Natürlich muss man Lösungen finden, aber mit den rund 1000 Kinderehen unter Flüchtlingen sollten die deutschen Jugendhilfeeinrichtungen zurechtkommen. Zum Vergleich: Rund 12 000 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gibt es jährlich in Deutschland, von der hohen Dunkelziffer ganz zu schweigen.

Noch besser in die virtuelle Empörungswelt passt die Debatte um Tschador, Hidschab, Nikab und Burka. Die wenigsten kennen den Unterschied, aber die Angst vor dem Fremden und der Überfremdung macht blind. Und ausgerechnet jene männlichen Wesen geben sich als Kämpfer für die Würde der Frau, denen der Bikini nicht klein genug sein kann und die Beachvolleyball eher für eine Fleischbeschau als für eine Sportart halten. Übrigens: Alle Attentäter in Deutschland trugen bisher Jeans, keiner eine Burka. Auf diesem Niveau laufen viele Debatten im Netz. Ja, man muss sich sorgen machen um das Abendland - aber nicht so sehr wegen der Burka.

albert.franz@derneuetag.de
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