Kommentar zur Einheitsfeier in Dresden
Zorniger Protest allein bringt niemanden weiter

Es ist Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestags und aus Sicht der lautstarken Protestierer von Dresden sicher auch einer der "Volksverräter", der diesen denkwürdigen Tag der Deutschen Einheit 2016 am besten auf den Punkt bringt. In seiner Festrede in der Semperoper sagte der CDU-Mann am Montag: "Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit möglich wurde." Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen, wenn es das Einzige wäre, woran sie sich nicht erinnern können.

Denn mal ganz davon abgesehen, dass es nicht sonderlich patriotisch ist, ausgerechnet die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung mit platten Parolen zu stören: Wer die Vorzüge einer offenen Demokratie nutzt, sollte auch nach ihren Regeln spielen. Heißt: Wir alle müssen "Volksverräter"-, "Haut ab!"- und "Lügenpack"-Rufe, Trillerpfeifen und Plakate erdulden, auf denen die Bundeskanzlerin als Hitler zu sehen ist. Undemokratisch ist allerdings die Weigerung zum Dialog, so wie sie die Grünen-Politikerin Claudia Roth in Dresden erlebte: Selbst als sie auf Demonstrierende zuging und mit ihnen reden wollte, wurde sie wüst beschimpft und beleidigt. Wie armselig.

Wem tatsächlich an einer schonungslosen Auseinandersetzung mit den Regierenden gelegen ist, der hat dazu in den kommenden zwölf Monaten ausreichend Gelegenheit: Im Bundestagswahljahr stellen sie sich überall in der Republik dem Gespräch mit den Bürgern. Diese Chance zur Diskussion zu nutzen ist allemal effektiver als grölend an Absperrgittern zu stehen. Oder die Stimme an eine Partei zu verschwenden, mit der ohnehin niemand eine Koalition eingehen wird. Nur mit Protest allein lässt sich in einer Demokratie nichts verändern.

frank.stuedemann@derneuetag.de
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