Kommentar zur „Ilmtaler Asylabwehr“
Von wegen Panzer: Nicht alles ist Satire

Was darf Satire? "Alles" antwortete der jüdische Schriftsteller Kurt Tucholsky noch 1919 und starb nach der Flucht vor den Nazis 1935 verstummt im Exil in Schweden. Die antisemitischen NS-Karnevalswagen musste er nicht mehr lustig finden: Das Zerrbild vom Juden, wie es die hirnrissige Propaganda vorgab.

Davon ist der Panzer - Aufschrift: "Asylpaket III" und "Ilmtaler Asylabwehr" -, der beim Faschingszug im oberbayerischen Steinkirchen zur Lösung der Flüchtlingsproblematik angeboten wird, noch ein gutes Stück entfernt. Nicht ein Staat macht hier systematisch Stimmung gegen eine Minderheit, sondern zwei "dumme Buben", wie der Organisator des Zugs die beiden Männer in den Dreißigern nennt, schießen auf eigene Faust weit übers Ziel hinaus. Das Ziel der beiden aber lautet unbestritten: Flüchtlingsstopp mit allen Mitteln.

Was bedeutet dieser üble Scherz: Dass seit dem unsäglichen "Schießbefehl"-Zitat von AfD-Frontfrau Frauke Petry ein Tabu nach dem anderen fällt. Man wird doch wohl noch sagen dürfen? Nein, man wird nicht ohne weiteres sagen dürfen, dass ein Staatsvolk das Recht hat, Menschen auf der Flucht im Zweifel abzuknallen - weil man sie für eine Bedrohung für den eigenen Wohlstand oder die eigene Sicherheit hält. Man wird es jedenfalls nichts sagen dürfen und gleichzeitig behaupten: "Das hat nichts mit rechter Gesinnung zu tun und ich habe ja auch nichts gegen Ausländer, aber ..."

Satire darf, ja muss wehtun. Sie soll Missstände aufdecken. Sie kann ungestraft Kirche, Religionen und Politiker entlarven. Aber das schräge Motiv, Flüchtlinge mit dem Panzer platt zu walzen, ist nicht Satire, ist nicht lustig - das ist geistige Brandstiftung à la Petry, die andere als Handlungsauftrag begreifen: Bundesweit wurden laut Bundeskriminalamt im vorigen Jahr 1027 Straftaten gegen Asylunterkünfte registriert. Davon mindestens 918 rechtsmotiviert. 95 der Anschläge waren Brandstiftungen. Wann hören wir endlich wieder auf, uns ständig als Opfer zu fühlen?

juergen.herda@derneuetag.de
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