Kommentar zur Kleber-Panne in Österreich Verschiebung
Qual der Wahl: Die Verschiebung musste sein

Zwischen Ostern und Pfingsten haben die Österreicher das erste Mal abgestimmt, wer künftiger Präsident des Landes sein soll. Geht nun alles gut, werden sie und wir den Namen kurz vor dem Nikolaustag erfahren. Wegen des schlecht pappenden Leims an manchen Briefumschlägen zieht sich die Hängepartie in Wien bis in den Dezember hin.

Das ist trotz der skurrilen Begleitumstände kein Anlass für Häme. Erstens haben schon andere ihre technischen Probleme bei Abstimmungen erlebt - man erinnere sich an Florida bei der US-Präsidentschaftswahl 2000. Zweitens soll ein Teil des Klebers gar nicht aus Österreich stammen, sondern aus Deutschland. Drittens ist es kein Spaß, sondern immer ein Grund zur Besorgnis, wenn Demokratie nicht funktioniert.

Das Problem ist nicht, dass unser Nachbar nun führungslos wäre. Das Problem ist, dass die abermalige Panne das politische Klima weiter zu vergiften droht. Wien musste entscheiden und hatte dabei nur die Wahl zwischen einer schlechten und einer ganz schlechten Lösung. Wahlen sind Momentaufnahmen. Die Stimmung an einem Wahlsonntag kann eine ganz andere sein als viele Wochen später. Daraus erwächst ein Problem: Jeder Verlierer wird sich um einen möglichen früheren Sieg betrogen sehen. Schon kursieren Spekulationen, welchem Lager die Entscheidung in die Hände spielen könnte. Verschwörungstheorien sind Tür und Tor geöffnet.

Die Abstimmung mit defekten Umschlägen laufenzulassen, hätte aber erst recht Vorwürfe wegen mutmaßlicher Betrügereien heraufbeschworen. Und eine Steilvorlage für abermalige Klagen gegen ein womöglich knappes Ergebnis geliefert.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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