Kommentar zur Lage der Diplomatie
Von Putin bis Erdogan: Die Diplomatie stößt an ihre Grenzen

Auch einem Frank-Walter Steinmeier kann offenbar der Kragen platzen. In einem Zeitungsbeitrag für die FAZ, der an diesem Samstag erscheint, beklagt er "eine immer aggressivere Abneigung gegen Fakten", eine "Ruchlosigkeit", die einen fast sprachlos zurücklasse, "mit der im grellen Licht der Öffentlichkeit Fakten verbogen und abgestritten werden, ... ja schlicht gelogen wird". Der Bundesaußenminister bezieht sich dabei eigentlich auf den US-Wahlkampf, auf die Brexit-Kampagne, die Lage in Russland und auch die Debatte in Deutschland. Hätte er den Beitrag nicht schon vor Tagen verfasst, er hätte vermutlich noch das Beispiel Türkei hinzugefügt.

Steinmeier ist so erbost, weil sich gerade die Weltordnung in Schall und Rauch auflöst, für die er jahrelang gekämpft hat. Die Diplomatie stößt an ihre Grenzen, wo nicht mehr über belegbare Fakten, sondern über gefühlte Wahrheiten verhandelt wird. Im Zuge von Donald Trumps Lügen-Wahlkampf hat sich dafür der Begriff der postfaktischen Politik durchgesetzt, einer Politik, die sich bewusst über den Fakten-Check hinwegsetzt. Das Problem: Gefühlte Wahrheiten sind schwer verhandelbar, sie sind Gift für jeden Dialog, sie vereiteln jeden Kompromiss. Und sie sind der Todesstoß für jede Diplomatie.

Steinmeiers Verzweiflung ist verständlich. Es wimmelt von Egomanen, die Argumenten nicht mehr zugänglich sind, die sich längst ihre eigene Wirklichkeit gezimmert haben und dafür auch noch den Beifall eines Großteils ihrer Bevölkerung bekommen. Donald Trump hat es damit fast bis ins Weiße Haus geschafft, Wladimir Putin sichert so sein Zarenreich. Und Recep Tayyip Erdogan verwandelt gerade die Türkei in ein autoritäres Regime nach seinem Bilde. Was tun mit solchen Partnern? Was tun mit solchen Verführern? Das postfaktische Zeitalter kann eigentlich nur in der Katastrophe enden.

albert.franz@oberpfalzmedien.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.