Kommentar zur Lage in Frankreich
Streik à la France

Beim Blick über die Grenze zu den französischen Nachbarn reibt man sich als braver Deutscher verwundert die Augen: brennende Barrikaden vor Atomkraftwerken, Tränengas gegen Demonstranten, wütend in die Luft gestreckte Fäuste, lange Warteschlangen vor den Tankstellen - der Sprit wird knapp. Die Grande Nation scheint im Kriegszustand, und das nur wenige Wochen vor Beginn der Fußball-EM. Krieg? Nein. Bloß Streik à la France.

Streiks haben dort mehr Wucht, werden viel stärker auf der Straße ausgetragen. Das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut in Düsseldorf schätzt, dass in Frankreich von 2005 bis 2013 auf 1000 Beschäftigte im Schnitt 132 Streiktage pro Jahr kamen - bei uns waren es 15 Streiktage. Jeder Franzose hat ein Streikrecht, egal, ob er in einer Gewerkschaft ist oder nicht. Außerdem wird nicht nur rituell bei Tarifverhandlungen die Arbeit niedergelegt, sondern - so wie jetzt - auch aus politischen Motiven. Weil die Regierung von François Hollande mit verbissener Unnachgiebigkeit unpopuläre Arbeitsmarktreformen durchdrücken will, brennt erst Volkes Seele und dann die Luft. Daher könnten ein paar Unannehmlichkeiten rund um die Europameisterschaft bald das geringste Problem sein.

Denn bei Polizei und Sicherheitsbehörden liegen nach den Terroranschlägen von Paris noch immer die Nerven blank. Das zeigt sich schon jetzt in einigen unschön radikalen Einsätzen gegen die Streikenden, die gegen die Pläne der Regierung protestieren. Sollten nun Gewaltbereite oder Chaoten die aufgeheizte Stimmung ausnutzen, könnte die Lage außer Kontrolle geraten. Hollande muss jetzt die richtigen Worte finden, sonst wird seine Version von Schröders Agenda 2010 im Desaster enden.

frank.stuedemann@derneuetag.de
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