Kommentar zur Raketenabwehr
In Europa lauert die Gefahr eines neuen Wettrüstens

Mit dem Start der europäischen Version der US-Raketenabwehr dreht sich die Rüstungsspirale ein Stück weiter. Diesmal ist es die Nato, die dreht. Zuvor war es Russland. Deshalb ist der Aufschrei aus Moskau auch scheinheilig. Schließlich trägt der Kreml seinen Teil dazu bei - nicht zuletzt durch Übungen, bei denen zu Beginn ein Atomschlag simuliert wird, etwa auf Warschau. Oder durch die Stationierung von Luftabwehrraketen in Kaliningrad, die in den polnischen Luftraum reichen.

Auf der anderen Seite startet die Nato ein System, das einst der Abwehr von iranischen Raketen dienen sollte. Angesichts der Einigung mit Teheran im Streit über dessen Atomprogramm scheint es hinfällig. Nun soll es gegen Angriffe von außerhalb des euro-atlantischen Raumes dienen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg versichert, der Abwehrschild sei nicht gegen Russland gerichtet und nicht geeignet, die strategischen russische Raketen abzufangen. Doch die Beteuerungen werden von der russischen Führung nicht geglaubt.

Es ist ein altes Problem. Die Kernfrage lautet: Versteht der eine, was der andere will? Offensichtlich immer weniger. Das birgt Gefahren. Zumal die Nato die Strategie der Abschreckung, auch der atomaren, auf dem Warschauer Gipfel Anfang Juli wieder stärker in den Vordergrund rücken will. Nicht, dass beide Lager plötzlich über einander herfallen. Aber es könnte zu einem neuen Wettrüsten kommen, schließlich sind die meisten Abrüstungsverträge nicht verlängert worden.

___



E-Mail an den Autor:

alexander.pausch@derneuetag.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.