Kommentar zur Rente mit 70
Es kommt auf die Lebenswirklichkeit an

Mit Zahlen und Statistiken ist das so eine Sache: Es ist ausgeschlossen, dass sie die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen in all ihrer Komplexität abbilden. Männer, die heute 65 Jahre alt sind, werden im Schnitt älter als 82, Frauen fast 86. Das ist toll, wird aber den nicht trösten, dessen Ehepartner wenige Monate nach Eintritt in den Ruhestand gestorben ist. Statistisch gesehen hätte man den Lebensabend noch fast 20 Jahre lang gemeinsam genießen können - eben: hätte.

Und so werden auch die Diskussionen über die von JU und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (73) ins Gespräch gebrachte Rente ab 70 an jedem Küchentisch und in jeder Stammtischrunde ganz unterschiedlich ausfallen. Die einen wären froh, sie dürften bis 70 weiterarbeiten, weil sie ihr Berufsleben lieber sanft ausklingen lassen statt abrupt beenden wollen - stundenreduziert, stufenweise. Die anderen aber möchten sich am liebsten schon mit 60 aus ihrem Job verabschieden - weil Kraft, Nerven oder auch die Motivation schon lange aufgebraucht sind.

Zu unterschiedlich sind außerdem die seelischen und körperlichen Anforderungen in den Berufen. Anders gesagt: Man kann Buchhalter, Maurer und Chirurgen nicht über einen Kamm scheren. Deshalb kann es bei der dringend benötigten Reform des Rentensystems eben nicht nur um Eintrittsalter und Finanzierung gehen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen brauchen mehr Flexibilität, von der letztlich alle profitieren. Leitplanken auf dem Weg zur gerechten Rente muss die Lebenswirklichkeit liefern, nicht die Statistik.

frank.stuedemann@derneuetag.de
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