Kommentar zur Türkei
Die Gretchenfrage lautet: Moral- oder Realpolitik?

Der gescheiterte Putsch in der Türkei und die danach vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angestoßene Hexenjagd auf seine Widersacher lässt viele Beobachter schaudern. Statt den Sieg der Demokratie in der Putschnacht zu nutzen, um das Land zu einen, spaltet er die Türkei weiter.

An Deutschland, an die Europäische Union, an die Nato und an die USA richtet sich damit die Gretchenfrage: Wie haltet ihr es mit der Türkei? Gibt es noch gemeinsame Werte mit dem Verbündeten? Wenn ja: Gibt es einen Partner in Ankara, der dazu bereit ist, diese gemeinsamen Werte zu leben?

Der Streit um das Besuchsrecht für Bundestagsabgeordnete bei den deutschen Luftwaffensoldaten auf der türkischen Basis Incirlik verliert an Bedeutung. Es geht um die Achtung der Menschenrechte und der Demokratie in der Türkei. Es geht um die Stabilität des Landes mit rund 78 Millionen Einwohnern. Noch steht eine Mehrheit hinter der AKP und Erdogan. Aber was ist, wenn die anderen sich so unterdrückt fühlen, dass die Gewalt im Land explodiert? Was wenn auch Türken nach Europa fliehen?

Die Stabilität der Türkei als Bindeglied zwischen Europa und dem Nahen Osten sowie nach Zentralasien, aber auch als Wächter am Bosporus ist im Interesse aller, der Europäer und der Amerikaner. Zudem wird das Land als Operationsbasis gebraucht, für den Krieg gegen die Terrormiliz IS, zudem auch auf dem Weg nach Afghanistan. Es ist eine Abwägung zwischen Realpolitik und moralischen Maßstäben, die viel politisches Fingerspitzengefühl erfordert.

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