Kommentar zur Türkei-Offensive in Syrien
Schmutzige Strategie auf dem Rücken der Syrer

Internationale Politik funktioniert nach dem Prinzip: Rede laut über Menschenrechte und sichere leise deine Interessen. So geschehen, als Bush jr. Saddam wegen erfundener Massenvernichtungswaffen aus seinem Erdloch holen ließ, den irakischen Staat zerstörte und damit den Aufbau der IS-Strukturen mit den in Ungnade gefallenen sunnitischen Militärexperten des alten Regimes beförderte. Despot Saddam hat weniger Opfer auf dem Kerbholz als das Interventionsdesaster der Koalition der Willigen.

Neueste Volte: Die USA schicken die kurdischen Milizen in Syrien als Bodentruppen ins Feuer. Gleichzeitig unterstützt Vize-Präsident Joe Biden die Türkei bei deren Bodenoffensive und verspricht dem Tyrann von Ankara, dass die Kurden keinen Anspruch auf einen eigenen Staat bekommen werden. Ob die Türkei nach den verheerenden Terroranschlägen der letzten Monate tatsächlich gegen die islamistischen Rebellen vorgeht, die lange von Ankara unterstützt wurden, ist offen. Der eigentliche Alptraum der Türkei ist ein kurdisches Machtzentrum an der Grenze zu Syrien. Vieles spricht deshalb dafür, dass auch dieses Mal der Kampf gegen den IS Rhetorik und die Schwächung der Kurden strategisches Interesse ist.

Neulich war Abut aus der Stadt Deir ez-zor bei uns zum Abendessen. Der 30-jährige HNO-Arzt konnte den Blick nicht vom Handy lassen: Seine Eltern und die Familien seiner Brüder überlebten bisher die IS-Besetzer. Jetzt folgt das nächste Bombardement der syrischen Armee. "Politik ist schmutzig" sagt er mit Tränen in den Augen. "Wir sitzen zwischen allen Stühlen - Assad, Russen, Türken." Und das auf einem Pulverfass. So unterscheiden sich die Perspektiven der Politiker und der Betroffenen.

juergen.herda@derneuetag.de
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