Kompromiss in der Griechenland-Krise
Merkel und Schäuble am Pranger

Zielscheibe des Hasses im Netz sind derzeit Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Bild: dpa

17 Stunden hat die Kanzlerin mit ihren Euro-Partnern um die Rettung Griechenlands vor der Pleite gekämpft. Am Ende haben alle einem harten Kompromiss zugestimmt. Dafür schlägt Deutschland der Hass im Internet entgegen.

Die Kanzlerin will in Griechenland putschen? Ihr Finanzminister ist ein Kredit-Hai, der das letzte Vermögen der Hellenen frisst? Angela Merkel ist in Wahrheit wie Adolf Hitler und Wolfgang Schäuble ihr Sensenmann? Alles abstruse Fragen? Nein. Thesen. Nachzulesen in sozialen Netzwerken wie dem Kurzmitteilungsdienst Twitter. Menschen aus aller Welt lassen dort unter dem Hashtag, dem Oberbegriff, #ThisIsACoup ("Das ist ein Staatsstreich") ihrer Wut über die Vereinbarungen beim Euro-Gipfel am Sonntag zur Rettung Griechenlands vor der Staatspleite freien Lauf.

Ausgehandelt haben den Deal zwar alle 19 Euro-Länder. Deutschland aber schlägt Hass entgegen. Geradezu harmlos klingt es da noch, wenn vom "deutschen Europa" die Rede ist. Und wenn die harten Sparvorgaben für die Griechen mit dem Versailler Vertrag für Deutschland von 1919 verglichen werden - also mit den Auswirkungen nach dem Ersten Weltkrieg auf das Deutsche Reich.

Aufruf zum Boykott

Da wird über "EU-Reichsführer Merkel" hergezogen. Ein Porträtfoto von ihr wird mit einer Gesichtshälfte von Hitler gezeigt. Ein Bild von KZ-Häftlingen ist zu sehen. Darunter steht: "Das passierte in der Vergangenheit und das wird wieder geschehen." Und unzählige Male erscheint dieser Tweet: "Germany's a loan shark trying to kill Greece" - Deutschland sei ein Kredit-Hai und versuche, Griechenland zu töten. So wird nach #ThisIsACoup sogleich eine Kampagne unter einem neuen Oberbegriff gestartet: #BoycottGermany. Und es wird dazu aufgerufen: "Don't buy anything german." Kauft keine deutschen Waren. Mit anderen Worten, das Land, das gemessen an seiner Wirtschaftskraft der größte Zahler in Euro-Zone und Europäischer Union ist, soll ruiniert werden.

Der Buhmann ist Deutschland auch für ausländische Medien - der britische "Guardian" und die "New York Times" gehören zu den größten Kritikern. Was Tradition hat bei angelsächsischen Journalisten. Die Amerikaner haben bisher keinen einzigen Hilfs-Cent für Athen beigesteuert. Der Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs warnt vor einer europaweiten Krise: "Griechenland mag inkompetent sein, aber die Führer der deutschen Regierung sind grausam." Es sei besser, Deutschland scheide aus der Euro-Zone aus als Griechenland.

Ab in die Ecke

Die Wut über Deutschland hat vor allem der von Schäuble lancierte Vorschlag ausgelöst, bei einem Scheitern Griechenland Verhandlungen über einen zeitweisen Euro-Austritt anzubieten. Der 72-Jährige bewirkte die Aufnahme einer entsprechenden Passage in das Verhandlungspapier - allerdings in Klammern. Das bedeutet, nicht alle Finanzminister der Euro-Gruppe hatten dem zugestimmt, aber die allermeisten. Während der nächtlichen Verhandlungen in Brüssel berichteten Vertreter anderer Delegationen, die Wirkung sei auch deshalb so desaströs gewesen, weil in der englischen Übersetzung von time-out gesprochen wird. Dies sei ein Begriff, der für die Ansage von Eltern und Erziehern stehe, ungezogene Kinder in die Ecke zum Nachdenken zu schicken. Das habe nach deutscher Überheblichkeit ausgesehen. Dass nach fünf Jahren kostspieliger und erfolgloser Mühen um die Stabilisierung Griechenlands dieser Plan B aufgezeigt wurde, werten Merkels Kritiker als Abrücken von der europäischen Idee. Ihre Unterstützer sagen hingegen, erst der Blick in den Abgrund habe Tsipras zum Einlenken bewogen.

Die Aggressionen gegen Deutschland mögen auch deshalb so groß sein, weil dieses Land einst Tod und Verderben über die Welt brachte und mithilfe einstiger Kriegsgegner wiederaufgebaut wurde. Heute steht dieses Land wieder glänzend da, ist vergleichsweise reich, und die Bundeskanzlerin gilt als mächtigste Frau der Welt. Kaum ein Land profitiert derart von Europa und der Währungsunion wie die Exportmacht Deutschland. Der derzeit rapide Ansehensverlust in sozialen Netzwerken und internationalen Medien macht der Bundesregierung durchaus zu schaffen. Die Hass-Welle dürfte in der Kabinettssitzung am Mittwoch zur Sprache gekommen sein. Eine Sorge ist: Da geht völlig unter, dass die Deutschen in anderen Konflikten eine vermittelnde Rolle einnehmen - etwa in der Ukraine-Krise und bei den Atomgesprächen mit dem Iran.

Der richtige Weg

Auf die Frage, ob ihn die Kritik an den Deutschen und an seiner Person überrasche oder treffe, antwortete Schäuble jüngst: "Nein. Das hat mich nicht überrascht." Aber zu sagen, es sei doch alles wurscht, was geschrieben werde, gehe auch nicht. "Natürlich trifft es einen. Man schaut sich das an, aber man weiß es vorher ..." Es gehe schließlich um Menschen, um viele Menschen: "Sie ringen mit sich und mit anderen darum, was der richtige Weg ist."

Tatsache ist: Der Griechenland-Streit hat das Wir-Gefühl der Europäer nachhaltig beschädigt. Vor allem nach dem jüngsten Wochenende. Seit Jahren schwelende Konflikte zwischen den Ländern im Norden und Süden sowie Osten und Westen treten so offen zutage wie nie zuvor. Jeder schaut auch auf die innenpolitischen Auswirkungen - etwa die erstarkenden links- und rechtsradikalen Strömungen.
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