Krankenschwester Nicole Neuber berichtet von dem schweren Motorradunfall auf der A 6
"Helfen scheint nicht mehr in Mode zu sein"

Nicole Neuber hat bei dem schweren Motorradunfall vorbildlich Erste-Hilfe geleistet. Bild: rti
Pleystein. (rti) Nicole Neuber war am Freitagvormittag mit ihrem Auto auf der A 6 von Pleystein nach Schwandorf zu ihrer Mutter unterwegs, als sie auf der Höhe des Parkplatzes Wittschauer Höhe einen Motorradunfall beobachtete. Dabei verletzten sich der 57-jährige italienische Motorradfahrer und dessen 23-jähriger Sohn sehr schwer. Die 38-jährige Krankenschwester half, ohne lange zu überlegen.

Der Zustand des Motorradfahrers und seines Sohns ist stabil. Wie geht es Ihnen? Haben Sie den Unfall schon verarbeiten können?

Neuber: "Man versucht, es zu verdrängen. Aber natürlich beschäftigt es einen doch immer wieder. Das Problem ist meine Tochter. Sie saß mit ihm Auto und hat das fliegende Motorrad gesehen. Das belastet sie natürlich und geht auch mir sehr nahe. Zudem habe ich noch die Schreie des 23-Jährigen in meinen Ohren. Sein linker Unterschenkel war fast vollständig abgetrennt. Der Verletzte war bei Bewusstsein."

Wie haben Sie den Unfall erlebt?

Neuber: "Ich war mit meinem Auto einige Meter hinter dem tschechischen Kleinlastwagen und sah auf einmal, wie ein Motorrad durch die Luft flog. Dann habe ich abgebremst und begonnen, die Rettungsgasse zu bilden. Aufgrund meines Berufs haben sich da ganz einfach Automatismen ergeben. Nachdem ich meine Tochter gesichert hatte, bin ich zum Unfallort gerannt. Dort stand eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern. Ich habe zuerst geschaut, dass sie von der Straße wegkommt und in Sicherheit ist."

Waren Sie alleine?

Neuber: "Zufällig kam ein amerikanischer Arzt auch gleich an die Unfallstelle. Zuerst haben wir uns um den 23-Jährigen gekümmert. Der Mediziner hat den Fuß abgebunden, um die Blutung zu stoppen. Dabei habe ich kurz geholfen. Dann hat der Doktor seine Arzttasche geholt. Ohne die Hilfe des Amerikaners wäre das Opfer verblutet. Sollte der 23-Jährige überleben, hat er das nur ihm zu verdanken. Auch weil es wegen der fehlenden Rettungsgasse länger gedauert hatte, bis die Notärzte zum Unfallort gekommen sind. Der Mediziner ist bei der US-Army. Der war super. Er ist sehr professionell und ruhig vorgegangen."

Wie war der Zustand des Motorradfahrers?

Neuber: "Der Arzt hat sich um den Sohn gekümmert. Ich bin dann zu seinem Vater. Diesen hatte ich am Anfang überhaupt nicht gesehen. Ich habe ihn in die stabile Seitenlage gebracht, den Helm entfernt und ihn beruhigt. Den Helm habe ich ihn abgenommen, da die Gefahr von Atemnot bestand. Zudem hätte er an seinem Erbrochenen ersticken können.

Er ist nach rund fünf Minuten zu Bewusstsein gekommen. Da er kein Deutsch und Englisch sprach, war es sehr schwer, ihn zu beruhigen. Er hatte natürlich keine Orientierung. Es hat einige Kraft gebraucht, um ihn zu beschwichtigen. Das schwierigste war, dass er liegen blieb."

Gab es keine anderen Leute, die Ihnen geholfen haben?

Neuber: "Leider fast keine. Einige hatten Angst. Zu Hilfe kam noch ein älterer Herr. Ich denke sogar, dass es der tschechische Kleinlastwagen-Fahrer war. Zudem stand ein weiterer Mann aus Schwandorf neben mir. Ihn habe ich zu meiner Tochter geschickt. Er hat sich wirklich rührend um sie gekümmert. Das rechne ich ihm hoch an, sonst hätte ich nicht so helfen können. Zudem will ich den Feuerwehrleuten nochmal für die psychische Betreuung meiner Tochter danken. Einen klasse Job haben auch das Ärzteteam, die Sanitäter und die Polizei gemacht.

Insgesamt bin ich aber schon sehr enttäuscht, dass so wenig Passanten geholfen haben. Viele Gaffer standen einfach etwas weiter entfernt und haben mit ihren Smartphones Fotos gemacht. Helfen scheint nicht mehr in Mode zu sein. Das ist aber meine rein subjektive Wahrnehmung von diesem Tag."

Offenbar gab es Probleme beim Bilden der Rettungsgasse. Das verzögerte die Ankunft der Rettungskräfte. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Neuber: "Nach meinen Gefühl hat es fünf Stunden gedauert, bis der Notarzt da war. In Wirklichkeit waren es natürlich viel kürzer. Sicher ist aber: Wenn der Arzt nicht zufällig vor Ort gewesen wäre, hätte dies ein Leben gekostet."
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