Krieg um das Kulturerbe

Die Oasenstadt Palmyra in der zentralsyrischen Wüste war eines der herausragenden Zentren im Altertum. Die Unesco erklärte die Ruinen der ehemaligen Handelsmetropole der legendären Königin Zenobia 1980 zum Weltkulturerbe. Archivbild: dpa

In der historischen Oasenstadt Palmyra droht die Zerstörung einer unersetzlichen Kulturstätte - und eine humanitäre Katastrophe. Zehntausende Flüchtlinge sind der Terrormiliz IS ausgeliefert.

Von dem sandigen Hügel mitten in der syrischen Wüste ist das Panorama atemberaubend: In einem weiten Areal unterhalb der Erhöhung am Stadtrand von Palmyra läuft eine Prachtstraße voller antiker Säulen und Bauten in Richtung des berühmten Baal-Tempels. Es sind einzigartige Schätze, die früher jeden Besucher ins Schwärmen brachten. Doch nach dem Einmarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) scheint die Zerstörung des Unesco-Welterbes nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

In Gefahr sind nicht nur die Ruinen der ehemaligen Handelsmetropole. Bis zu 50 000 Menschen leben normalerweise in Palmyra - der Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Aufständischen, Islamisten und den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad aber hat zusätzlich Zehntausende Flüchtlinge in die Stadt gespült. Sie sitzen nun in der Falle: Die Straße Richtung Osten kontrolliert der IS, im Westen toben Kämpfe. Schon früher hatte die Terrormiliz nach Eroberungen Zivilisten getötet, weil diese angeblich mit dem Regime kooperiert hätten.

Viele Schätze gerettet

Anders als die Zivilisten wurden aber Hunderte antike Schätze vor dem Einmarsch des IS gerettet, wie der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, mitteilte und die Unesco bestätigte. Das war bei den großen Monumenten selbstverständlich nicht möglich.

Viele von ihnen stammen aus der Blütezeit Palmyras in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Durch deren Lage an einer bedeutenden Karawanenstraße verschmolzen dort ganz unterschiedliche kulturelle Einflüsse, erklärt der Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, Markus Hilgert. "Wir glauben, Multikulti ist eine Erfindung von heute. An Palmyra sieht man: Das gab es schon lange vorher."

Nicht lange gefackelt

Hilgert schwärmt von der "Weltoffenheit", die die Stadt in ihrer Geschichte umwehte. Ein Attribut, das auf die neuen Herrscher der Wüstenstadt nicht zutrifft. Im Norden des Iraks hatte der IS kürzlich nicht lange gezögert und Jahrtausende alte Ruinen zerstört. Für Dschihadisten symbolisieren die Überreste der Tempel die Ungläubigkeit im Altertum wegen der Verehrung mehrerer Götter.

Die Zerstörung Palmyras wäre laut Hilgert sowohl "ein unersetzlicher Verlust für die Menschheitsgeschichte" als auch für das syrische Volk. Schließlich sei die Oasenstadt auch ein zentrales touristisches Ziel in dem Land. Nach Angaben des World Travel and Tourism Council erwirtschaftete Syrien 2010 mehr als elf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts mit dem Tourismus. Mit dem Bürgerkrieg nach den Aufständen des Arabischen Frühlings brach die Zahl ein. Nach dem weiteren Vormarsch des Islamischen Staats ist Syrien von Stabilität weiter entfernt als zuvor. Nachdem viele den IS nach den Niederlagen in Kobane und der irakischen Stadt Tikrit schon auf dem absteigenden Ast wähnten, demonstrierte er mit der Eroberung der westirakischen Provinzhauptstadt Ramadi am Sonntag und der Einnahme Palmyras seine ungebrochene Stärke.

Zudem ist Palmyra strategisch wichtig: Von dort aus führen Straßen in den Westen nach Homs und in die Hauptstadt Damaskus. "Die Kräfte des IS sind nun in einer guten Position, um Gebiete des Regimes im zentralsyrischen Korridor anzugreifen", analysiert das Institute for the Study of War aus Washington.

Kein Platz für Angst

Doch zunächst wenden sich die Blicke auf die Wüstenstadt Palmyra, in der eine humanitäre und kulturelle Katastrophe droht. Strom gebe es dort genauso wenig wie Wasser, Medizin sei knapp und die Stadt werde von Luftschlägen erschüttert, berichten lokale Medienaktivisten. Einigen Regime-Kämpfern sei die Kehle durchgeschnitten worden. Überprüfen lassen sich die Angaben jedoch nicht.

Ob die eingeschlossenen Aktivisten Angst vor den Extremisten hätten? "Es gibt keinen Platz für Angst. Daran haben wir uns schon unter dem Assad-Regime gewöhnt", antworten sie.
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