Kriegsveteranen in Russland klagen über soziale Not
Die Not der siegreichen Soldaten

Sie tragen Orden und gelten in der Heimat als Helden: Veteranen der Roten Armee dürfte es in Russland nicht schlecht gehen. Per Gesetz stehen ihnen Vergünstigungen wie verbilligte Fahrkarten zu. Doch auf von der Regierung versprochene Wohnungen warten sie oft vergeblich. Archivbild: dpa

Am 70. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Hitler-Deutschland will Russland vor allem die Kriegsveteranen ehren. Doch viele von ihnen klagen seit Jahren über soziale Not und Schikanen der Behörden.

Der Frust des Weltkriegsveteranen hat Kremlchef Wladimir Putin kalt erwischt. Wann die Rotarmisten denn endlich die vor Jahren vom Staat versprochenen Wohnungen bekämen, will ein mit Orden dekorierter ehemaliger Frontsoldat aus dem Gebiet Wladimir in der Nähe von Moskau wissen. Vor den Augen der Nation muss Putin bei seiner traditionellen Fernsehsprechstunde "Direkter Draht" für die Versäumnisse der Behörden gerade stehen.

Ausgerechnet vor der mit viel Pomp und Geld geplanten Militärparade zum 70. Jahrestag des Triumphs über Hitler-Deutschland am 9. Mai trübt der Ärger von Veteranen das Image der stolzen Siegernation. In einem Land, das seine Kriegshelden wie Ikonen verehrt, zeigt sich im Schatten eines historisch begründeten Patriotismus eine Gesellschaft, die ihre soziale Fürsorgepflicht vernachlässigt.

Vergünstigungen

Auf rund 2,5 Millionen wird die Zahl der noch lebenden Weltkriegsveteranen geschätzt. Eigentlich dürfte es ihnen in Russland nicht schlecht gehen. Die Gesetze sehen viele Vergünstigungen für sie vor. So steht Teilnehmern des Zweiten Weltkrieges etwa eine bevorzugte Aufnahme in Altersheimen zu. Ein Gesetz von 1995 regelt zudem Zuschüsse zu Mieten, verbilligte Fahrkarten sowie Gratis-Prothesen. Vor allem aber versprach der damalige Präsident Dmitri Medwedew bedürftigen Veteranen 2008 per Erlass neue Wohnungen.

Als "Schande" bezeichnet es die liberale Oppositionspartei Jabloko, dass dieses Versprechen nicht längst umgesetzt wurde. Beobachter meinen, zwar gebe es "Vorzeigeveteranen", denen es an nichts fehle, doch zeige sich eine Zweiklassengesellschaft. Tausende alter Menschen warten auch sieben Jahre später noch immer auf ein neues Zuhause.

Auf die Kritik des Veteranen vor laufender Kamera reagiert Kremlchef Putin sachlich: "10 000 Veteranen sollen in diesem Jahr die 2008 versprochenen Wohnungen erhalten." 5000 weitere sollten 2016 versorgt werden, sagt er. Dann solle das Hilfsprogramm abgeschlossen sein.

Zugleich räumt Putin zähneknirschend ein, dass sich der Staat massiv verrechnet hat, als er das großzügige Sozialprojekt ankündigte. Ursprünglich seien die Behörden von bis zu 35 000 Bedürftigen ausgegangen, doch die Zahl der Anträge habe sich fast verzehnfacht. "Bis heute haben wir 281 000 Veteranen versorgt und dafür 308 Milliarden Rubel (etwa 5,4 Milliarden Euro) aufgebracht", sagt Putin.

Toilette im Hof

Von dem vielen Geld ist bei Valentin Mesenzew aus Jaroslawl nordöstlich von Moskau nichts angekommen. In seinem grünen Holzhaus hat der 91-Jährige kein warmes Wasser. Für seine Notdurft muss der als Teilinvalide eingestufte frühere Rotarmist bei Wind und Wetter eine Toilette im Hof aufsuchen. Die Behörden hätten ihn vergessen, kritisiert Mesenzew im Fernsehsender NTW. Ähnlich ergeht es der 88-jährigen Ljubow Fomenko im Gebiet Brjansk. "Helfen Sie mir, würdig den verbleibenden Teil meines Lebens zu verbringen", wendet sie sich verzweifelt an die Behörden. Hilfe kommt keine.

Nicht nur bei der Versorgung mit Wohnungen hapert es. Manche Veteranen klagen über Probleme beim Auszahlen der Rente. Andere beschweren sich über mangelnde medizinische Versorgung. Ihr Andenken werde mit Füßen getreten, kritisieren Betroffene.

Die Behörden wüssten, dass die Zeit für sie arbeite, meinen Kritiker. Viele Weltkriegsteilnehmer sind 90 Jahre oder älter. Nach und nach stirbt die Generation der Kriegsteilnehmer weg und mit ihnen der Anspruch auf kostspielige Sozialhilfe. Dennoch: Am Tag des Sieges sollen die Veteranen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Aber nur eine handverlesene Gruppe von rund 560 Kriegsteilnehmern darf als Teil der rund 5000 erwarteten Gäste auf dem Roten Platz die Parade von einer Ehrentribüne aus anschauen. "Der Rote Platz ist nicht aus Gummi", begründet Kremlsprecher Dmitri Peskow die begrenzte Teilnehmerzahl.

7000 Rubel zum Siegestag

Als kleine Anerkennung für die Veteranen verteilt die Regierung zum 9. Mai noch Geschenke: 7000 Rubel (etwa 125 Euro) erhalten sie einmalig zum Siegestag. Lieber wären vielen aber wohl die versprochenen Wohnungen.
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