Kurden feiern neue Hoffnung

Die pro-kurdische Partei HDP hat es ins türkische Parlament geschafft und anscheinend Erdogans Pläne für ein präsidiales System gestoppt. In der Kurdenhochburg Diyarbakir haben ihre Wähler nun hohe Erwartungen.

In der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir brach am Sonntagabend Jubel aus. "Heute ist der Anfang vom Ende Erdogans und der AKP. Heute ist ein so hoffnungsvoller Tag", sagte Bauarbeiter Ferid Kazary (38) nach Bekanntgabe erster Wahlergebnisse. Die Menschen feierten bei spontanen Straßenfesten mit kurdischen Liedern und Feuerwerk, junge Männer fuhren laut hupend mit der weißen Fahne der pro-kurdischen Partei HDP durch die Straßen. Andere schwenkten die rot-grün-gelbe kurdische Fahne.

Drei Tote vor Wahlen

48 Stunden zuvor war die Stimmung in Diyarbakir noch im Keller. Bei zwei Explosionen bei einer Wahlkampfveranstaltung waren drei Menschen getötet und 220 verletzt worden. Viele gaben der Regierung die Schuld an dem Anschlag. "Mein Cousin wurde bei dem Anschlag am Freitag getötet", klagt der Büroangestellte Haci Ahmet. Dass die Partei so gut abgeschnitten habe, sei ein unglaubliches Gefühl. "Ich hoffe, dass die HDP den Kurdenregionen Frieden und ein gutes Leben bringen wird. Ich hoffe, dass der Krieg in diesem Land endlich ein Ende haben wird."

Ahmet hatte wiederholt die islamisch-konservative AKP des türkischen Staatspräsidenten und ehemaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan gewählt. Er fühle sich jedoch von Erdogan betrogen, da dieser den Friedensprozess mit den Kurden nicht vorangebracht habe.

Der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK), die von Ankara und von vielen westlichen Ländern als terroristische Organisation eingestuft wird, hat in den vergangenen 30 Jahren mehr als 40 000 Menschenleben gefordert. In den 1980er und 1990er Jahren galt in den Kurdengebieten der Ausnahmezustand, etwa 3000 kurdische Dörfer wurden vom Militär zerstört.

"Ich bin 70 Jahre alt. Ich dachte, ich würde nie den Tag erleben, an dem eine kurdische Partei ins Parlament einzieht", sagt Ayse Kirecli. "Mein Dorf wurde vom Militär niedergebrannt. Wir haben unser Zuhause verloren und mussten fliehen. So viele Menschen aus meinem Dorf sind in dem Krieg gestorben."

Präsidialsystem verhindern

Kirecli hofft, dass es der HDP gelingen wird, die Ambitionen Erdogans zu bremsen. Der Staatspräsident hatte darauf gesetzt, dass seine AKP eine absolute Mehrheit holt. Diese wollte der Ex-Ministerpräsident nutzen, die Verfassung zu ändern und ein Präsidialsystem auf den Weg zu bringen.

Durch den Einzug der HDP wird Erdogans AKP erstmals seit 2002 nicht allein regieren können. Die Partei, die einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Türkei begleitete, ist nun auf einen Koalitionspartner angewiesen. Die pro-kurdische HDP steht nun vor vielen Herausforderungen. Ihre Anhänger hoffen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung im größtenteils kurdischen Südosten. "Was das Land jetzt am dringendsten braucht, ist Frieden zwischen den Türken und den Kurden", sagt Kirecli mit einer kurdischen Fahne in der Hand. "Ich wünsche mir Versöhnung für dieses Land."
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