KZ Flossenbürg: Ungeklärte Fragen zur Ermordung von Bonhoeffer, Canaris und Oster

Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg:

So vieles ist in den Nachkriegsjahren verdeckt und vertuscht worden - gerade auch im Fall der Ermordung der Männer der deutschen Abwehr um Admiral Wilhelm Canaris am 9. April 1945. Wenigstens zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg sollte auch an viele offene Fragen erinnert werden dürfen. 1951 behauptete das Landgericht München im ersten Huppenkothen-Prozess, dass bei Wilhelm Canaris, Hans Oster, Ludwig Gehre, Friedrich von Rabenau, Karl Sack, Theodor Strünck und Dietrich Bonhoeffer der Tatbestand des Landesverrats erfüllt gewesen sei, und dass deshalb diese Todesurteile in Flossenbürg - ausgesprochen vom Chef-NS-Richter Otto Thorbeck, beantragt von dem NS-Chefankläger Walter Huppenkothen - "rechtens" gewesen seien.

Eigenartig, dass sich dieser Meinung auch der damalige bayerische Justizminister Dr. Josef Müller (Ochsensepp) anschloss, der selbst Mitglied der deutschen Abwehr um Admiral Canaris gewesen und ebenfalls zum Prozess und zur Hinrichtung nach Flossenbürg gebracht worden war. Er kam als einziger der engen Mitarbeiter von Admiral Canaris frei. Müller behauptete immer wieder nach dem Krieg, dass er am 9. April in Flossenbürg einfach "vergessen" worden sei. Aber warum hat seine Sekretärin noch am Tag der Hinrichtung von Canaris, Bonhoeffer und den anderen auf Veranlassung Huppenkothens erfahren, dass Müller nach Dachau käme, wo er dann auch von ihr mit Lebensmitteln versorgt werden konnte und schließlich freikam?

Die Angehörigen hingegen von Canaris, Bonhoeffer und den im KZ Flossenbürg getöteten Abwehrleuten erfuhren hingegen erst nach dem Krieg von den Geschehnissen am 9. April 1945. Noch eigenartiger, dass NS-Ankläger Walter Huppenkothen, der neben vielen anderen Verbrechen die Todesurteile aller Canaris-Leute mit Vehemenz und unbewiesenen Behauptungen beantragt hatte, nach dem Krieg ausgerechnet Josef Müller um Rechtsbeistand bat. Der Jurist und bayerische Politiker Alfred Seidl übernahm später - wohl auf Empfehlung von Josef Müller - die Verteidigung Huppenkothens.

Und noch weitere Fragen bleiben: Warum schrieb Wilhelm Canaris zwei Tage nach der Verhaftung von Dohnanyi, Oster und Bonhoeffer in Berlin 1943 in sein Tagebuch, dass Josef Müller nach dem Krieg "der Prozess gemacht werden" müsse, weil er Dohnanyi, Oster und Bonhoeffer verraten habe? Bei der Ankunft von NS-Richter Thorbeck und NS-Ankläger Huppenkothen am 7. bzw. 8. April im KZ Flossenbürg war Bonhoeffer dort nicht zu finden. Im Gegensatz zu Josef Müller, der am 4. April bei Weiden den Holzvergaser auf dem Weg vom KZ Buchenwald nach Bayern verlassen musste, um nach Flossenbürg gebracht zu werden, ging für Bonhoeffer - wohl versehentlich, aber als Hoffnungsstreifen - die Fahrt weiter nach Regensburg und Schönberg im Bayerischen Wald. Dort wurde er eigens von Flossenbürg aus mit einem Pkw zum "kurzen Prozess" und zur Hinrichtung abgeholt.

Wer hat den Verantwortlichen in Flossenbürg verraten, dass Bonhoeffer bei Weiden das Holzvergaser-Gefährt nicht verlassen hat und deshalb in Schönberg sein muss? Warum wurde erst 51 Jahre später vom Landgericht Berlin das Urteil des Standgerichts in Flossenbürg vom 8. April 1945 aufgehoben, weil es "unter Missachtung aller Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens" stattgefunden hatte? Es sind so viele unbeantwortete Fragen, an die auch erinnert werden sollte.

Siegfried Kratzer, 92224 Amberg Vorsitzender des Evangelischen Bildungswerks
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