Lächeln gegen die Ausweglosigkeit

Für UN-Fahrzeuge ist es kein Problem in Eres (Israel) die mit hohen Mauern und Zäunen gesicherte Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel zu passieren.

Fünf Jahre ist es her, dass ein deutscher Außenminister den Gazastreifen besuchte. Viele fürchten dort einen neuen Krieg. Beim Besuch Steinmeiers kann ein Mädchen seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Viel entgegnen kann er nicht.

Professor Mazen Hamada hat den Anzug angelegt, ein weißes Hemd und auch die Krawatte dazu. Seine Frau und die beiden Töchter tragen Kopftuch und Goldschmuck. So oft geschieht es derzeit nicht, dass Besuch aus dem Ausland in den Gazastreifen kommt. Der schmale Küstenstreifen am Mittelmeer mit etwa 1,8 Millionen Palästinensern ist nicht nur eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt, sondern, nach drei Kriegen und vielen Jahren der Blockade, auch eines der am stärksten isolierten.

Am Montag jedoch ist Besuch aus Deutschland da, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Zum ersten Mal seit dem Ende des Gazakriegs zwischen Israelis und Palästinensern im vergangenen Sommer macht sich ein Mitglied der Bundesregierung in Gaza ein Bild. Steinmeier ist einigermaßen erschüttert. Die Worte, die er findet: "dramatisch", "unerträglich", "katastrophal".

Bald ein Jahr nach dem 51-Tage-Krieg, in dessen Verlauf mehr als 2200 Menschen getötet wurden, sieht es fast überall so aus wie damals: Trümmer, Schrott, Müll, Ruinen. Insgesamt 4,3 Milliarden Euro an Hilfen hat die internationale Gemeinschaft zugesagt. Viel angekommen ist noch nicht. Der Wiederaufbau hat nicht einmal richtig begonnen. Von den 19 000 Häusern, die zerstört wurden, steht kein einziges wieder.

"Jetzt ist alles weg"

Das ist auch das Schicksal von Hamada und seiner Familie. "Ich habe 20 Jahre in unser Haus investiert", erzählt der 49-Jährige, der einst in Kiel Chemie studierte. "Dann hatten wir zehn Minuten, um es zu verlassen. Jetzt ist alles weg." Heute lebt er mit seiner Frau und den vier Kindern in einer Zweizimmerwohnung. Mit den Kindern muss er regelmäßig ins Krankenhaus. Hamada sagt, sie seien "seelisch zerstört". Eine seiner Töchter weint, als sie Steinmeier vom vergangenen Jahr berichtet. Sie fragt aber trotzdem noch, was von seinem Besuch übrig bleiben wird, wenn der Minister wieder zurück in Deutschland ist. Ihr Vater sagt: "Wenn wir warten, bis die Politiker eine Lösung gefunden haben, dann müssen wir noch lange warten." Gemeint sind damit vor allem die Regierung in Israel, die Palästinensische Autonomiebehörde und auch die radikal-islamische Hamas, die im Gazastreifen de facto das Sagen hat.

Die Hamadas sind freundlich, am Schluss wollen sie auch noch ein Foto. Aber was sie vermitteln, ist ein großes Gefühl der Ausweglosigkeit. Auch das Geld aus Deutschland - Steinmeier eröffnet am Montag eine Schule, wo nach dem Sommer 1400 Mädchen unterrichtet werden - kann daran kaum etwas ändern. Die Perspektiven sind schlecht: Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. Von den jungen Palästinenserinnen haben sogar fast 90 Prozent keinen Job.

Der Chef der UN-Mission, Robert Turner, fasst das so zusammen: "Wenn du 25 bist und an der Uni, dann kennst du nur die Blockade und drei Kriege. Du kommst nicht raus, egal in welche Richtung du dich auf den Weg machst. Und du hast keinerlei Aussicht, dass dein Leben besser wird." Der Gazastreifen ist seit der Machtübernahme der Hamas im Sommer 2007 durch Israel nahezu vollständig abgeriegelt. Auch Ägypten hat inzwischen seine Grenze dichtgemacht.

Steinmeier kann da nicht viel entgegenhalten. Viel Hoffnung, dass sich zwischen Israelis und Palästinensern auf absehbare Zeit etwas ändert, hat man auch in Berlin nicht. "Die große Lösung wird vermutlich noch länger dauern", sagt er im Fischerhafen von Gaza-Stadt in die vielen Kameras. Die Lebensbedingungen müssten jetzt aber schnell verbessert werden, durch eine Öffnung der Grenzen, damit Waren und Menschen wieder heraus und hinein kommen.

Was Steinmeier aber hinzufügt: "Das wird nur gelingen, wenn sicher ist, dass hier keine Startrampen für Raketen mehr stehen." Dieser Satz ist an die Hamas gerichtet, von der im Hafen auch einige Leute um ihn herumstehen. Ein Treffen gibt es aber nicht. Abgesehen davon, dass die Europäische Union die Hamas als terroristische Organisation einstuft, macht Israel das auch zur Bedingung dafür, dass ausländische Politiker nach Gaza dürfen.

Besuch von fünf Stunden

Nach fünf Stunden nur fährt Steinmeier über den Grenzübergang Eres wieder zurück nach Israel. Für die deutsche Delegation geht die Kontrolle ganz schnell. Aber zuvor will der Außenminister noch ein paar Sätze loswerden. "Hier im Nahen Osten ist nichts einfach. Aber gleichwohl müssen wir es versuchen. Und wir müssen es tun."
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