Lagerkoller mündet in Gewalt

Feldbetten, dicht an dicht in einer Halle im hessischen Hanau. Kaum Privatsphäre, dazwischen spielende Kinder. Auf Dauer erzeuge die beengte Situation Stress und in der Folge Konflikte, sagen Flüchtlingsbetreuer. In den vergangenen Tagen häuften sich Meldungen über Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften. Ein Rolle spielte dabei auch das Aufeinandertreffen verschiedener Ethnien und Religionszugehörigkeiten. Archivbild: dpa

Oft genügt eine Kleinigkeit wie Ärger bei der Essensausgabe: Perspektivlosigkeit und Stress entladen sich in Gewalt. Behörden sprechen von einer sehr angespannten Situation in den Flüchtlingsunterkünften, Sozialarbeiter von Chaos und teilweise katastrophalen Zuständen.

Feldbett reiht sich an Feldbett in der Tennishalle in Frankfurt-Kalbach. Männer, Frauen und Kinder liegen oder sitzen apathisch herum. Eine hochschwangere Frau aus Afghanistan stützt sich auf das Geländer vor dem Eingang der Halle und schaut Jugendlichen beim Fußballspiel zu. Szenen wie diese gibt es in diesen Tagen überall in Deutschland in den Unterkünften für geflüchtete Menschen.

Das Warten zehrt an den Nerven. Manchmal entlädt sich die Spannung in Gewalt. Wie etwa am Sonntag in einer Zeltunterkunft im nordhessischen Calden, wo bei einer Schlägerei vor allem zwischen Albanern und Pakistanern elf Flüchtlinge und drei Polizisten verletzt wurden. Im nahegelegenen Kassel gingen am Montagabend etwa 50 syrische Flüchtlinge auf die Straße, um gegen Missstände bei der Unterbringung zu protestieren. Auf ein Transparent schrieben sie: "Transfer us to a better place" (Bringt uns an einen besseren Ort).

"Die Aufnahme von immer mehr geflüchteten Menschen macht die Herausforderung ständig größer", heißt es in dem für die Unterbringung zuständigen hessischen Sozialministerium. Es sei zurzeit nicht immer einfach, innerhalb einer Einrichtung die eigentlich sinnvollen Trennungen nach Herkunft vorzunehmen oder etwa für Frauen eigene Bereiche zu schaffen. "Zurzeit arbeiten sehr viele Mitarbeiter der Landesregierung mit Hochdruck daran, eine menschenwürdige Unterbringung sicherzustellen", sagt eine Sprecherin. Das Ministerium prüfe 80 weitere Standorte, in Marburg-Cappel werde gerade eine Unterkunft für 900 Menschen in Holzbauweise vorbereitet.

"Die Situation ist aufgrund der hohen Zugangszahlen bundesweit sehr angespannt", stellt die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) fest. "Konflikte in Unterkünften kommen deshalb nicht nur aufgrund von religiösen Fragen vor, sondern aufgrund von alltäglichen Problemen - zum Beispiel wenn sich jemand bei der Essensausgabe vordrängeln will." Hinzu komme die große Bandbreite von Bildungsgraden und Vorstellungen über Werte in den Einrichtungen.

Helfer vor Ort berichten von Chaos und teilweise katastrophalen Zuständen. "Wenn jemand eine Woche nicht mehr duschen konnte, weil die Dusche ständig überfüllt ist, dann braucht es nur einen kleinen Anlass, dass sich die Anspannung entlädt", sagt Elke Hermes vom Psychosozialen Zentrum in der Erstaufnahmeeinrichtung in Trier. Dort übernachten Menschen auch auf Fluren oder in Zelten zwischen Mobiltoiletten.

Ungewisse Zukunft

Am schlimmsten aber sei die ständige Ungewissheit, sagt die Sozialberaterin vom Diakonischen Werk. Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge müssten bis Mai oder Juni 2016 warten, bis sie ihren Asylantrag stellen könnten. "Es gibt keine verlässliche Zukunftsperspektive, keine Transparenz in den Abläufen, die Flüchtlinge sind die Leidtragenden einer sehr angespannten Situation."

Mehr Platz gesucht

"Wir müssen inzwischen von Lagern reden, das sind keine Gemeinschaftsunterkünfte mehr", sagt der rheinland-pfälzische Flüchtlingspfarrer Siegfried Pick. "Lager bedeuten Stress und Konflikt." Unterkünfte für 500 oder 1000 Menschen seien völlig ungeeignet für Menschen, die in ihrem Herkunftsland oft traumatisiert worden seien und auf der Flucht extreme Situationen erlebt hätten.

Was lässt sich dagegen tun? Constanze Funck vom Büro für Asyl und Menschenrechtsfragen der evangelischen Nordkirche, nennt Initiativen von freiwilligen Helfern, die in den Unterkünften etwa mit den Kindern spielen oder die Menschen zu Ausflügen in die Stadt mitnehmen, "um sie aus der Trostlosigkeit herauszuholen". Und alle Beteiligten sagen, dass es am dringlichsten sei, mehr Platz zu schaffen. "Es gibt so viel Leerstand von Wohnungen in den Städten", sagt Pfarrer Pick. "Hier müssten die Kommunen mehr mit den Eigentümern reden."
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